POSITIONEN : Neid auf die Geburtselite

Warum in Deutschland der Anti-Adels-Reflex so stark ist

Astrid von Friesen
Foto: privat
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Blaues Blut, 800 Jahre Familiengeschichte, Glanz und Glamour und dann noch eine steile Karriere. Stoffe aus dem Märchen sind das. Anders und psychologisch ausgedrückt: Projektionen, Idealisierungen, Entidealisierungen. Warum werden jede Woche hunderttausende Boulevardblätter mit Adelsgeschichten konsumiert?

Dieses tiefe menschliche Bedürfnis nach Idealen speist sich unter anderem aus kleinbürgerlicher Unkenntnis und eigenen Projektionen. Unkenntnis darüber, dass die meisten der Adligen keineswegs zur winzigen Gruppe des „oberflächlichen Salonprinzentums“ gehören, wie bereits Ende des 19. Jahrhunderts gespottet wurde. Unkenntnis auch darüber, dass diese schillernde Gruppe wohl kaum aus den Intelligenten, den ethisch und moralisch Gefestigten besteht. Viele Mitglieder des „Salonprinzentums“ haben entweder als Bürgerliche eingeheiratet oder treiben Schindluder mit dem Familiennamen. Sie lassen sich auf einer Stufe mit Models, Fußball- und Tennisspielern feiern, deren angebliche Prominenz und deren Einkommen jedoch seltsamerweise niemand infrage stellt.

Die meisten Adligen jenseits des Hochadels und der Mallorca- Schickeria sind anders, sie bilden neben der Macht-, Geistes- und Wissenschaftselite gewissermaßen die der Geburtselite. Sie müssen nicht ständig beweisen, dass sie eine Kinderstube hatten, in der auch Werte und Normen vermittelt wurden.

Ein Anti-Adels-Reflex ist ein seltsamer Reflex: Er mischt sich aus Neid und Missgunst, aber auch verabscheuender Neugierde und starker Affinität. Denn der Adel, der spätestens nach 1918 seine Privilegien an das Bürgertum abgegeben hatte, besitzt ja immer noch eine große Faszination.

Dieser Reflex ist ein kleinbürgerlicher, weil viele aufsteigende Bürger alles Mögliche tun, um dem Adel in Sitten und Gebräuchen, in Kleidung und durch die englischen Internate immer ähnlicher zu werden. Neureiche kaufen sich am liebsten ganze Schlösser!

In Ostdeutschland ist Abneigung, ja bisweilen Hass gegen Adlige besonders ausgeprägt, weil es der Ideologie der DDR entsprach, allen sogenannten „Junkern“ die Schuld am Faschismus in die Schuhe zu schieben. Diese Abneigung ist tief konserviert, da sie mangels Kenntnis von lebenden Personen kaum an der Realität überprüft werden konnte.

Es ist der Neid auf die familiäre Selbstverständlichkeit, auf die Jahrhunderte währende Familiengeschichte. Tausende von bürgerlichen Hobby-Ahnenforschern suchen mühsam nach den eigenen Vorfahren und sind stolz, wenn sie fünf Generationen finden. Adel ist eines der letzten Güter, welches man in unserer Konsumgesellschaft nicht kaufen kann: Die Blutsverwandtschaft zu einem Haus, einer Familie. Neid auch auf das Generationenübergreifende, die Sicherheit und Demut, die aus dem Bewusstsein erwächst, nur ein Glied in einer langen Kette zu sein. Das wiederum ist die beste Medizin gegen Egoismus, gegen Gier und Konsumdenken. Was die meisten Adligen dazu bringt, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, ehrenamtlich zu arbeiten, Bescheidenheit zu pflegen.

In Deutschland wird manches idealisiert, was exklusiv, exotisch oder einfach anders ist, um es anschließend in Grund und Boden zu verdammen. Die erste Unterstellung gegenüber Adligen lautet meist Arroganz. Schaut man genau hin, ist dies jedoch eine Projektion: Der Bürgerliche wertet sich selbst ab und überträgt just dieses Gefühl auf den Adel, der angeblich auf ihn herabsieht.

Sich derartige Projektionen bei Minderheiten wie zum Beispiel den Sorben oder Homosexuellen zu verbieten, ist politisch korrekt. Als ebenso politisch korrekt gilt aber offenbar das Adels-Bashing. Eine seltsame Auffassung vom Umgang mit dieser Minderheit.

Die Autorin ist Gestalt- und Traumatherapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an beiden Universitäten und arbeitet als Journalistin. Zuletzt ist von ihr das Buch „Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer“ erschienen.

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