Positionen : Neuer Mann, neuer Glaube

Der neue Erzbischof, Rainer Maria Woelki, ist ein Segen für Berlin

Christoph Lehmann
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Die Überraschung war groß, als die Ernennung des neuen katholischen Erzbischofs von Berlin bekannt gegeben wurde. Mit dem bisherigen Weihbischof von Köln, Rainer Maria Woelki, hatte wohl keiner gerechnet. Und dennoch bekommt Berlin nach allem, was wir bislang über ihn wissen, mit Woelki genau den richtigen Mann.

Dabei hat diese Entscheidung Bedeutung weit über Berlin hinaus: Sie ist wichtig für die ganze deutsche Kirche. Denn gerade hier in Berlin wird sich am ehesten zeigen, ob die deutsche Kirche ihren Aufgaben gewachsen ist.

Die christlichen Kirchen haben in Europa ihre beste Zeit noch vor sich, so behauptete vor einigen Jahren der damalige Erzbischof von Paris, Kardinal Jean-Marie Lustiger. Die Aussage überrascht. Und dennoch zeigt sich gerade in Berlin, wie viel an dieser These dran ist. In anderen Teilen des Landes wird noch beklagt, dass die Kirchen ihren Charakter als Volkskirchen verlieren. In Berlin haben wir Christen dies längst hinter uns. Wer hier, in einer Umgebung, in der dies eher uncool ist, Glaube und Kirche sucht und sonntags in den Gottesdienst geht, tut dies ganz bewusst. Er hat das Traditionschristentum volkskirchlicher Prägung hinter sich gelassen oder nie erlebt. Er ist aus eigener, freier Entscheidung Christ geworden.

Und genau hier erleben wir auch, welche unglaubliche Chance in diesem Wandel liegt. Es gibt in Berlin Gemeinden beider großer Konfessionen, die sonntags regelmäßig überfüllt sind, und zwar mit jungen Gläubigen. Häufig kommen da Menschen zum Gottesdienst, die in ihrer alten Heimat die Bindung zur Kirche verloren hatten und gerade hier, in dieser säkularen Umwelt, den Weg zurückfinden. Wir erleben in beiden Kirchen neue Versuche, auf die Menschen zuzugehen und ihnen die Botschaft Christi zu verkünden, über Gesprächskreise in Einkaufszentren bis hin zu offenen Gesprächsangeboten in den Gemeinden. Viele entdecken in Berlin den Glauben neu: Erwachsenentaufen sind heute in Berliner Gemeinden keine Seltenheit mehr.

Entscheidungschristentum – und nur das ist in Europa das Modell der Zukunft – setzt eine freie Gesellschaft voraus: eine Gesellschaft, in der es nicht zum guten Ton gehört, sich sonntags in der Kirche blicken zu lassen, die Glaubensfragen gegenüber aber auch neugierig und aufgeschlossen ist. Eine solche Gesellschaft haben wir in Berlin.

In dieser offenen Umgebung müssen Christen auf die Menschen zugehen und die gesellschaftliche Realität in dieser Stadt positiv annehmen, ohne sich freilich bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. Kirche muss den Mut haben, auch einmal fröhlich gegen den Strom zu schwimmen und zu überraschen. Gerade in einer Stadt wie Berlin hat die Botschaft des Glaubens eine große Chance, gehört zu werden, auch von Menschen, die nicht in kirchlichen Traditionen groß geworden sind.

Jeder katholische Bischof bestimmt zu Beginn seiner Amtszeit einen lateinischen Wahlspruch. Damit beschreibt er das Leitmotiv seiner Amtstätigkeit. Woelki wählte bei seiner Bischofsweihe den Satz: „Nos testes sumus“ – wir sind Zeugen: Zeugen des Glaubens, Zeugen Christi. Er zeigt damit, wie er sein Amt versteht. Er ist ein Mann der Seelsorge, einer, der bei den Menschen sein, sie verstehen will und sie mit dem Feuer des Glaubens anstecken möchte.

Wer so denkt, bringt die richtige Grundhaltung mit. Sicherlich wird der Rheinländer einiges lernen müssen in der neuen Umgebung. So spielt gerade in Berlin das konfessionsübergreifende Wirken der Kirchen eine größere Rolle als im weitgehend katholischen Rheinland. Das wird für den als eher konservativ geltenden Woelki ungewohnt sein. Wenn er aber bei seinem Leitspruch bleibt, hat er jede Chance, segensreich für Berlin und das Christentum in dieser Stadt zu wirken. Und er hat mit allen Christen Berlins die Möglichkeit zu zeigen, dass das Christentum seine große Zeit auch in Berlin noch vor sich hat.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Katholik und Gründer der Berliner Initiative „Pro Reli“.

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