Meinung : Positionen: Nicht nur Schaumschlägerei

Jürgen Dittberner

Leitkultur ist ein weißer Schimmel, ein Pleonasmus: Kultur, bezogen auf das Zusammenleben der Menschen, ist Maßstab, Orientierung, Leitung. Vielleicht wurde der in der Union kursierende Begriff erdacht, weil "Kultur" schlicht verbunden mit dem Adjektiv "deutsche" erwarten lässt, dass Teile des Publikums reflexartig reagieren, wenn sie das hören.

Die deutsche Kultur gebe es nicht mehr, war von einer Seite zu hören. Unsere Gesellschaft sei vielmehr multikulturell. Die deutsche Kultur, so kam es aus anderer Richtung, sei längst vom Geist der 68er vernichtet worden. Jede ihrer Hervorbringungen sei auf 1933 gepresst worden. Selbst Goethe und Schiller habe man als Hitlers geistige Ahnherren seziert.

In dieser Debatte wimmelt es von Missverständnissen. Kultur im sozialen Sinne ist die Welt aller: der Angestellten, Arbeitslosen, Beamten, Unternehmer, der Politiker, Schüler und Rentner, der In- und Ausländer. Sie alle werden durch Ziele, Konventionen und Kommunikation in Freundschaft und Feindschaft mehr oder weniger beieinander gehalten. Der Kitt, der sie verbindet, ist die Kultur der Gesellschaft. Da die deutsche Gesellschaft offensichtlich existiert, existiert auch eine deutsche Kultur. Ihre Ziele mögen profan sein und "Geld", "Gesundheit", "Spaß", vielleicht auch "Freiheit" heißen. Ihre Konventionen sind u.a. Rechtsverkehr, Arbeit, Feiertage - allen voran Weihnachten mit seinem unchristlichen Konsumdruck.

Das wichtigste Medium der Kommunikation dieser Kultur ist die deutsche Sprache. Die deutsche Kultur gibt es, wie es das Wetter gibt. Wer von außen hierher kommt, spürt das stärker als eingewöhnte Ansässige, und er wird um so eher integriert sein, desto mehr er sich dieser Kultur bedient.

Doch schon bei dieser Binsenweisheit beginnt das Problem: Hier werde eine "Zwangsgermanisierung" gefordert, wird beklagt. So wird aus einer banalen Tatsache - eben dass die Berücksichtung der herrschenden Kultur die Orientierung erleichtere - der Vorwurf eines bösen Zwanges. Im Hinterkopf entsteht das Bild von Heerscharen unschuldiger und dunkelhaariger Fremdkulturler, die von blonden germanischen Peinigern wie von KZ-Wächtern zu ihresgleichen umgepolt werden sollen. Welch ein Albtraum ohne jeden Realitätsbezug!

Schließlich kommt der stärkste Angriff gegen das Bewusstsein einer vorherrschenden Kultur in Deutschland: Diese deutsche Kultur habe den Nationalsozialismus hervorgebracht und werde deshalb von hier lebenden Fremden mit einem besonderen moralischen Recht ignoriert. Ja, aber hat sich seit 1945 in Deutschland gar nichts geändert? Steht der Nazismus vor der Tür, eben weil er aus der deutschen Kultur folgt? Wenn dem so wäre, müssten alle Freiheitsliebenden sofort das Land verlassen. Die Anziehungskraft der Bundesrepublik beruht hingegen darauf, dass sie einen demokratischen, westlichen Weg gegangen ist. Und es gibt kaum ein Land auf der Welt, das die dunkelsten Epochen seiner Geschichte öffentlich beklagt. Deutschland tut es. Man weiß, dass eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit im deutschen Namen geschehen ist. Aus diesem Wissen erwächst der Wille, Vergleichbares nie wieder zuzulassen.

Wo man ansetzt: Die gesamte Debatte über "deutsche Leitkultur" oder "multikulturelle Gesellschaft" ist verbale Schaumschlägerei, allerdings mit ideologischem Hintergrund. Tatsache ist, dass die Deutschen über die Jahrhunderte hinweg eine eigene Kultur entwickelt haben. Es gibt eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Geschichte und einen mittlerweile auf ein Minimum säkularisierten Bestand gemeinsamer Werte. Diese "deutsche" Kultur wurde, das weiß jeder, stets durch Einflüsse von außen mitgeformt: Da war der Beitrag der Juden, der stete Zustrom aus Frankreich und den Niederlanden, da waren Impulse aus Polen und anderen Teilen Osteuropas. Dieser Zustrom hat sich seit den 60ern rasant beschleunigt: Italienische, spanische, türkische und andere Lebensformen sind heute präsent und prägen die Wirklichkeit. Über allem weht hier wie in Toronto und Tokio der heftige Wind der Globalisierung und schleift die nationalen Kulturen insgesamt ab, so dass diese immer ähnlicher werden: "Leistung" und schneller "sozialer Wandel" werden Elemente einer allgemeinen Weltkultur.

Was von den nationalen Kulturen übrig bleibt, dient immerhin noch der alltäglichen Orientierung in den Ländern. Es ist unsinnig, eine Vielfalt kultureller Kreise auf dem Territorium einer jeweiligen Nation zu etablieren. "Multikulti" als ernst genommenes Leitbild würde Selbstbezogenheit und Erstarrung der ethnischen Gruppen bewirken. Inselkulturen im See der jeweiligen Nation würden entstehen. Konflikte zwischen der Mehrheit und den Minderheiten müssten die Folgen sein. Kein Bayer muss seine regionalen Eigenheiten aufgeben, kein Türke seine Herkunft verleugnen - aber das Leben wird leichter, wenn sie die Grundelemente der vorherrschenden hiesigen Kultur akzeptieren: die deutsche Sprache, die verbliebenen Werte und die Regeln des Alltagslebens.

Die Begriffe "deutsche Leitkultur" und "Multikulti" stiften nur Verwirrung. Stattdessen täte es allen gut, wenn wir uns auf eine "offene Kultur" einigen könnten. Eine offene Kultur bietet Minderheiten Einflusschancen und eröffnet der Mehrheit die Perspektive des sozialen Wandels.

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