POSITIONEN : Noch ist Steinbach nicht verloren

Sie wird als SS-Domina dargestellt und als "blonde Bestie" bezeichnet: Erika Steinbach ist ins Visier der Polen geraten, die wissen, dass sie einige Leichen im Keller haben. Was hinter dem Protest der Polen gegen die Pläne der Vertriebenen steckt.

Henryk M. Broder

Erika Steinbach ist groß, blond und hat einen kräftigen Händedruck. Allein damit aktiviert sie Fantasien, die eine kleine, dunkelhaarige und fragile Frau nie mobilisieren könnte. In Polen wird sie als SS-Domina dargestellt und als „blonde Bestie“ bezeichnet, was zum Teil auch mit der polnischen Neigung zu Übertreibungen zusammenhängt.

Diese Neigung hat eine tragische und eine komische Komponente. Tragisch sind die Geschichten vom Kampf berittener polnischer Einheiten gegen deutsche Panzer, komisch ist die schnelle Bereitschaft zum Beleidigtsein, wenn Polen nicht so gesehen werden, wie sie sich selbst gerne sehen. Viele Polen nahmen es Steven Spielberg übel, dass er mit „Schindlers Liste“ einen Film über einen anständigen Deutschen gedreht hatte, statt einem polnischen Judenretter ein Denkmal zu setzen. Ganz Polen empörte sich, nachdem die „taz“ den polnischen Präsidenten Kaczynski mit einer Kartoffel verglichen hatte. Die Polen-Witze von Harald Schmidt („Kommen Sie nach Polen, Ihr Auto ist schon da!“) sorgten immer wieder für Proteste, und seit ich einmal beiläufig bemerkte, die polnische Kultur stehe auf zwei Säulen – Alkoholismus und Antisemitismus – bekomme ich noch immer Drohbriefe beschwipster polnischer Patrioten, die mich als Judenschwein bezeichnen, das man zu vergasen vergessen hat.

Angesichts der in der Tat schrecklichen polnischen Geschichte kann man solche Empfindlichkeiten verstehen, andererseits: Wenn Selbstironie Voraussetzung für die Aufnahme in die EU wäre, stünde Polen noch immer auf der Warteliste.

Und nun ist Erika Steinbach ins Visier geraten. Der Anlass ist nicht neu, es ist ein Remake. Der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wird von polnischer Seite immer wieder „Revanchismus“ vorgeworfen, weil sie ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ ins Leben rufen will. Über die Idee an sich kann man geteilter Meinung sein. Nicht nur weil sie einen Anspruch erhebt, der nicht eingelöst werden kann, sondern weil sich die „Narrative“ der verschiedenen Vertriebenengruppen beim besten Willen nicht auf einen Nenner bringen lassen. Man kann Frau Steinbach also vorwerfen, dass sie ein Projekt vorantreibt, das nicht realisierbar ist, dass sie Kraft und Zeit an etwas Sinnloses vergeudet. Doch das machen auch andere in der Polit- Arena, etwa wenn sie die Einführung des Wahlrechts für Kinder fordern. Was man Frau Steinbach nicht vorwerfen kann, ist Revanchismus. Ein solcher Vorwurf grenzt an Hysterie.

Selbst ein so kluger Politiker wie der Sonderbeauftragte der polnischen Regierung für deutsch-polnische Beziehungen, Wladyslaw Bartoszewski, verliert die Fassung, wenn er Erika Steinbach in die Nähe des Holocaustleugners Williamson rückt und erklärt, ihre Berufung in den Stiftungsrat wäre so absurd wie die Ernennung des Bischofs zum Bevollmächtigten für die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Israel. Von Frau Steinbach ist kein einziges antisemitisches Statement bekannt, sie hat die Verantwortung der Nazis für den Zweiten Weltkrieg und die daraus resultierende Vertreibung der Deutschen nie infrage gestellt. Sie hat nie versucht, Ursache und Wirkung zu vertauschen und die Verbrechen der Nazis nie verharmlost. Und anders als mancher prominente Sozialdemokrat hat sie auch keinem Holocaust- Leugner und Genozid-Vorbereiter die Hand gedrückt.

Die völlig unverhältnismäßigen Reaktionen der Polen sind vor allem eine Entlastungsoffensive. Die Polen wissen, dass sie einige Leichen im Keller haben – das Massaker von Jedwabne (1941), das Pogrom von Kielce (1946) –, die nach und nach exhumiert werden und Polens Selbstverständnis als Opfernation erschüttern. Heute verbreitet der katholische Sender Radio Maryja lupenreinen Antisemitismus – in einem Land ohne Juden. Wer so etwas hinnimmt, sollte lieber auf der Blockflöte pfeifen, statt auf die Pauke zu hauen.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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