POSITIONEN : „Non Profit“ ist eine Illusion

Auch Organisationen wie Unicef müssen nach Gewinn streben, meint Beate Stoffers, die ehemalige Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Kinderhilfe Direkt e. V.

Unicef steht am Pranger. Auslöser sind Vorwürfe wegen Misswirtschaft, Beraterhonoraren und Provisionen für Spendenvermittler. „Werden Sie Projektpate“, fordert das weltweit größte Kinderhilfswerk auf seiner Homepage – doch jetzt befallen die spendenbereiten Bundesbürger erhebliche Zweifel, ob ihre Gelder tatsächlich auch bei den Projekten ankommen oder aber kostspielige Verwaltungsapparate und Vorstandsgehälter finanzieren. Der bloße Hinweis „Ihre Spende kommt an“ reicht nicht mehr.

Doch worum geht es bei dem Konflikt? Institutionelle Hilfe braucht Geld, das nicht nur in Projekte vor Ort, sondern auch in die Institution fließen muss. Wie viel in welchen Topf, ist die Frage, über die Fördermitglieder oder Einmalspender hinreichend informiert werden müssen. Meist fängt das Geschäft mit der Hilfsbereitschaft bereits auf der Straße an. Da stellen Greenpeace, Amnesty International oder der WWF an Straßenständen den Passanten konkrete Projekte vor und bitten hierfür um Unterstützung. Hinter den engagierten Werbern stecken jedoch weder Ehrenamtliche noch Mitarbeiter, sondern professionelle Promotionteams, die bei erfolgreicher Mitgliederwerbung Provisionen erhalten. 80 bis 120 Euro pro Tag versprechen die Firmen für Personalmanagement und Direktmarketing. Dieses Geld für die Mitgliederwerbung wird in den Bilanzen der gemeinnützigen Organisationen unter Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit verbucht.

Warum auch nicht, schließlich sensibilisieren die Professionellen für Themen und erklären Ziel und Inhalt der Projekte rhetorisch gewandt dem Bürger auf der Straße. Der ist angesichts prominenter Schirmherrschaften, Hochglanzbroschüren oder Zeitungsberichte, die die Glaubwürdigkeit unterstreichen, gerne bereit, sein Portemonnaie zu öffnen oder sogar Mitglied zu werden. Das kann lukrativ sein. Aber wie viel geht davon wirklich in die Projektfinanzierung, wenn ein nicht unerheblicher Teil schon bei den Promotern bleibt?

„Non Profit“ ist längst ein falscher Begriff für Vereine, die zu kapitalkräftigen Organisationen mit politischer Schlagkraft geworden sind. Dagegen spricht auch nichts, denn wer im Kampf um den Spendenkuchen bestehen will, muss sich wirtschaftlicher Methoden bedienen. Die Aufgeregtheiten, die sich Unicef ausgesetzt sieht, gipfeln in der ethischen Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt oder Gutes nur mit Gutem erreicht werden darf.

Die Gesellschaft selbst gibt darauf die Antwort und übt sich im realitätsfernen Wunschdenken. Der Sehnsucht nach Aufopferung für den Nächsten steht oft der eigene Lebensstil entgegen. Das Dilemma wird mit regelmäßiger Spendenfreude gelöst. Was wir nicht sehen wollen, ist, dass Vereine und Institutionen auf Dauer nur mit einem organisierten Stab, der nach wirtschaftlichen Kriterien arbeitet, ihre Ziel verwirklichen können. Warum soll ein Geschäftsführer in einer gemeinnützigen Einrichtung nicht ebenso viel verdienen dürfen wie sein Pendant aus der freien Wirtschaft? Weil der praktizierende Altruismus sich nicht professionalisieren darf? Nur, ist das noch zeitgemäß? Erst die Professionalisierung ermöglicht spektakuläre und kontinuierliche Erfolge. Gewinnstreben und Gemeinnützigkeit müssen sich nicht widersprechen, sondern können sich gegenseitig befruchten. Die Voraussetzungen dafür, dass die Spendenbereitschaft nicht verebbt, sind Ehrlichkeit und Transparenz. Der spendenbereite Bürger muss Vertrauen zu den Hilfsorganisationen fassen können. Spendensiegel helfen dabei nur wenig, denn geprüft wird nur Papier. Die praktische Projektarbeit kommt so gut wie nie unter die Lupe.

Die Amerikaner machen es uns vor: Auch gemeinnützige Institutionen sind bilanzpflichtig und müssen ihre Zahlen veröffentlichen. Ein erster Schritt, um die Enttäuschung der Spender abzubauen. Wer gesellschaftliche Missstände überwinden will, ist bei den Profis an der richtigen Stelle. Auch wer krank ist, geht zum Spezialisten und ist im Einzelfall bereit, dafür entsprechend zu zahlen. Diese Ehrlichkeit im Umgang mit Spendengeldern gilt es nun durchzusetzen. Für die Transparenz kann der Gesetzgeber sorgen.

Die Autorin war von 1999 bis 2000 Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Kinderhilfe Direkt e. V.

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