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POSITIONEN : Retten reicht nicht

01.11.2012 00:00 UhrVon Florian Keisinger
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Südeuropa braucht Wachstum und deshalb dringend mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

Die Politik hat sich offenbar auf den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone festgelegt. Umso wichtiger wird die Frage, wie der Süden Europas mittel- und langfristig wettbewerbsfähig werden kann. Denn nur dann können die dortigen Staaten absehbar wirtschaftlich und finanziell auf eigenen Beinen stehen.

Die Wettbewerbsfähigkeit hängt neben der Konsolidierung der Haushalte und der Schaffung funktionierender Verwaltungen vor allem von der künftigen Innovationsfähigkeit dieser Länder ab. Innovationen sind in modernen Volkswirtschaften die Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand. Nicht umsonst hat die EU-Kommission das Thema Innovationen ins Zentrum ihrer Wachstumsstrategie „Europa 2020“ gestellt.

Ein zentraler Baustein der Strategie ist es, die Investitionen der Nationalstaaten in Forschung und Entwicklung (FuE) auf mindestens drei Prozent des BIP anzuheben. Zwei Drittel der Aufwendungen sollen von den Unternehmen getragen werden, ein Drittel übernimmt der öffentliche Sektor. Obwohl Deutschland mit 2,82 Prozent das Ziel derzeit noch nicht erreicht hat, gehört es zur europäischen Spitzengruppe. Nur die skandinavischen Länder liegen aktuell über der Drei-Prozent-Marke und geben damit – gemessen am BIP – noch mehr Geld für FuE aus.

Doch zeigt ein Blick in den Süden, wie heterogen das Bild innerhalb der EU ausfällt (auch deutlich heterogener als dass der US- Bundesstaaten). So flossen in Griechenland vor der Krise (2007) weniger als 0,6 Prozent des BIP in FuE. In Zypern fällt der Anteil mit 0,46 Prozent noch geringer aus. Selbst ein Industrieland wie Italien bringt es lediglich auf magere 1,27, Spanien liegt mit 1,38 Prozent nur knapp darüber. Zusammengenommen beläuft sich der BIP-Anteil, den die Krisenstaaten Griechenland, Italien, Malta, Portugal, Spanien und Zypern in die Erforschung und Entwicklung neuer Technologien, Verfahren und Dienstleistungen investieren, auf unter ein Prozent – weniger als die Hälfte des europäischen Durchschnitts!

Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Blick auf die Herkunft der aufgewandten Mittel: Während in der Spitzengruppe der (nord-)europäischen Staaten der Anteil der öffentlichen Finanzierung bei knapp einem Viertel liegt – drei Viertel tragen die Unternehmen –, fällt die Staatsquote im Süden sehr viel höher aus. So stammt etwa in Griechenland die Hälfte der FuE-Investitionen aus öffentlichen Geldern. In Spanien und Portugal ist es beinahe ebenso viel. Hinzu kommt, dass in diesen Ländern der Großteil der Privatinvestitionen von ausländischen multinationalen Unternehmen getragen wird. Entsprechend gering ist der Anteil privater inländischer FuE-Mittel.

Was folgt daraus? Soll Europa in seiner jetzigen Gestalt dauerhaft Bestand haben, reicht es nicht aus, die Krisenstaaten mit immer neuen Rettungsmechanismen vor dem Staatsbankrott zu bewahren. Stattdessen sind zusätzlich Maßnahmen notwendig, die darauf abzielen, die Innovationsfähigkeit dieser Länder dauerhaft zu stärken und so den Grundstein für künftiges Wachstum zu legen. Dabei kommt es zum einen darauf an, länderspezifische Potenziale zu identifizieren und gezielt zu fördern; zum anderen muss an traditionelle Industriezweige wie die Textilverarbeitung oder den Tourismus mit neuen Technologien und frischen Konzepten angeknüpft werden.

Gezielte Investitionen in die Innovationsfähigkeit eines Landes zahlen sich mittel- und langfristig aus, wie nicht zuletzt die Entwicklung in zahlreichen asiatischen Staaten – etwa in Korea oder Singapur – zeigt. Dass das nicht von heute auf morgen gelingt, liegt in der Natur der Sache. Ein erster vielversprechender Schritt, der auch kurzfristig zu positiven Ergebnissen führen kann, wäre die Förderung ausländischer Direktinvestitionen in den Krisenstaaten. Dafür bedarf es des Engagements der Industrie sowie kluger Anreizmechanismen seitens der Politik. Voraussetzung ist jedoch, dass die Staaten Südeuropas schnellstmöglich die dringend erforderlichen Struktur- und Verwaltungsreformen auf den Weg bringen.

Der Autor arbeitet an

der deutschen Akademie der Technikwissenschaften und ist Associate der Stiftung Neue Verantwortung.

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