Meinung : Positionen: Schlachtenbummler bei Amerikas Kriegen

Derek Chollet

Der normale Menschenverstand sagt einem, dass es besser ist, erst zu denken und dann zu handeln. Dennoch wird die Nato dieses Jahr gleich zwei Schritte machen, deren Konsequenzen noch nicht ganz durchdacht sind: Im Mai werden die Verbündeten und der russische Außenminister das Zeitalter einer neuen, engen Beziehung zwischen der Nato und Russland ausrufen. Im November wird die Nato mehrere Länder zum Beitritt einladen, was möglicherweise von einer 19 zu einer 24, vielleicht sogar zu einer 26-Länder-Allianz führen wird.

Auch wenn die Einzelheiten noch geklärt werden müssen, zwei Dinge stehen jetzt schon fest: Russland wird mehr als je zuvor in die Entscheidungsprozesse der Nato eingebunden und die Allianz wird größer sein. Was aber nicht so klar ist: Wozu soll die Nato da sein? Ist das Bündnis auf eine Welt vorbereitet, die zunehmend komplizierter wird und die mit ganz neuen Bedrohungen zu tun hat? Ausgerechnet jetzt hat die Allianz das Pferd von hinten aufgezäumt: Zuerst wurden Planungen unternommen, um die Allianz zu vergrößern und Russland einzubeziehen, bevor diese wichtigen Fragen überhaupt geklärt waren.

Die letzten drei Jahre haben gezeigt, wie dramatisch unterschiedlich die Aufgaben der Nato sein können: Einerseits 1999 der Kosovo-Krieg, der von der Nato geführt wurde, andererseits ein Krieg in Afghanistan, für den die Nato zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall ausgerufen hat, aber in deren Verlauf sie am Rande des Spielfelds saß. Es ist wahrscheinlich, dass Letzteres zum Regelfall wird: Eine Nato mit mehr Mitgliedern und einer engeren Beziehung zu Russland wird für die Kriegsherren in Washington nicht gerade einladender. Deshalb wird wohl der erste Krieg der Nato im Kosovo auch ihr letzter gewesen sein. Aber wird die Allianz dann noch mehr sein als eine Gruppe von Schlachtenbummlern bei Amerikas Kriegseinsätzen? Nur, wenn sie bei ihrer Reform nicht scheitert. Im Moment ist die Nato weder strukturell noch kulturell gerüstet, neuartigen Bedrohungen zu begegnen. Ihre Entscheidungsgremien sind zu schwerfällig. Trotz der zwei erfolgreichen Einsätze auf dem Balkan ist das Bündnis weiter auf Szenarien aus dem Kalten Krieg eingestellt. Es ist darauf ausgerichtet, eine große Militärmacht aus dem Osten zu bekämpfen und nicht kleine, schwer zu ortende, bewegliche Zellen wie die Al Qaida. Der Krieg in Afghanistan zeigt, dass der Kampf gegen die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts ein sehr schwieriges Unterfangen ist. Dazu benötigt man nicht nur einen militärischen Vorsprung, sondern spezielle Einsatzkräfte wie auch eine Mischung aus Militär- und Geheimdienstoperationen. Afghanistan zeigt auch, dass die Kluft zwischen den USA und Europa in Bezug auf militärischen Fähigkeiten seit dem Kosovo-Krieg noch größer geworden ist. Deutschlands Probleme, ein bescheidenes Kontingent an Streitkräften nach Afghanistan zu bringen, hat viele Amerikaner in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Europa unfähig ist, mit realen militärischen Problemen fertig zu werden.

Die Versuchung in Washington, alles alleine zu machen, ist ohnehin stark genug. So lange wie Europas Streitkräfte so weit hinter Amerika zurückfallen, wird sich daran nichts ändern. So könnte die Nato in Zukunft zu einer bloßen Talkrunde für den Austausch über konventionelle Bedrohungen werden oder ein Forum, um Russland das Gefühl zu geben, es gehöre jetzt mehr zu Europa. Man mag argumentieren, dass das alleine schon die Existenz der Nato rechtfertige. Aber es greift zu kurz. Die Nato muss mehr sein als eine Jubeltruppe. Der Krieg gegen den Terrorismus wird nicht mit Afghanistan enden. Man darf nicht unterschätzen, wie wichtig es für die USA, für Deutschland und seine Verbündeten sein wird, zusammenzuarbeite. Dass man bereit ist, Opfer für die gemeinsamen Interessen zu bringen, gemeinsame Streitkräfte zu unterhalten, die auch tatsächlich zusammen kämpfen können.

In den nächsten Monaten und Jahren wird die Phase II des Antiterror-Kriegs allen einen schmerzhaften und kontinuierlichen Einsatz abverlangen, um terroristische Zellen auszuschalten und zu verhindern, dass Material zum Bau von Massenvernichtungswaffen in die falschen Hände gerät. Genau dies muss die Aufgabe einer vergrößerten Nato sein, die eng mit Russland zusammenarbeitet. Die Allianz sollte kleine Gruppen und Mechanismen etablieren, die in gemeinsamer Absprache schnelle, geheime Einsätze vorbereiten. Wenn sowohl die Nato als auch Russland an einem solchen Reaktions-Team beteiligt wären (durch Spezialkräfte, Austausch von geheimen Informationen, schnelle Einsatzkommandos), wären gemeinsame Entscheidungsprozesse, wie sie Russland sucht, die Voraussetzung. So könnte die Nato im Kleinen testen, wie ernst es Russland mit einer tatsächlichen Zusammenarbeit ist (und umgekehrt), ohne dass die Aktionsfähigkeit des Bündnisses geschwächt würde.

Jedem im Westen ist seit dem 11. September klar, dass es auf der Welt viele Gruppen gibt, die die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten verabscheuen. So lange wie eine Allianz von gleichgesinnten marktwirtschaftlichen Demokratien bereit ist, zusammenzuhalten, so lange wird die Nato politisches Gewicht haben und entscheidend sein für die Legitimation von Handlungen. Sollte die Nato jedoch als militärisches Bündnis scheitern - was unterscheidet sie dann noch von anderen Organisationen wie der OSZE oder dem zahnlosen UN-Sicherheitsrat?

Wenn wir nicht klären, was wir mit der Nato wollen, wie sie reformiert werden muss - bevor wir über eine engere Zusammenarbeit mit Russland oder über neue Mitglieder sprechen - könnte es passieren, dass die Nato genau dann unfähig ist, zu agieren, wenn wir sie am dringendsten brauchen. Dann wäre das weltweit mächtigste Bündnis endgültig auf die Zuschauertribüne verbannt.

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