POSITIONEN : Sein Visier ist stets offen

Walter Laqueur, der große Historiker, wird 90 Jahre alt

Jacob Heilbrunn

Der große Historiker der Weimarer Republik, Otto Hintze, wurde von seinem berühmten Freund Friedrich Meinecke als „Ritter mit ständig geschlossenem Visier“ bezeichnet. So etwas kann man über Walter Laqueur, der an diesem Donnerstag neunzig Jahre alt wird, gewiss nicht sagen. Laqueur zählt nicht nur zu den einflussreichsten Historikern des 20. Jahrhunderts – und zu den freundlichsten. Sondern sein Visier ist stets offen.

Zu Laqueurs Vorab-Geburtstagsfeier unlängst in Washington D.C. kamen mindestens hundert Gäste. Es war eine beeindruckende Mischung von Menschen aus allen Generationen und Herkunftsländern. Und wieder war das überragende Thema Europa.

Kein Wunder: Laqueur personifiziert die europäische Geschichte. Gemeinsam mit Arthur Koestler, Ignazio Silone, Melvin J. Lasky, André Gide, Raymond Aron und anderen war er Mitglied im Kongress für kulturelle Freiheit, der während des Kalten Krieges die demokratischen Werte gegen den sowjetischen Totalitarismus verteidigte. Die Teilnehmer dieses Kongresses waren keine Konservativen, sondern überwiegend liberale Intellektuelle, die an die Demokratie glaubten und die Tyrannei verabscheuten, ob von links oder rechts. Laqueur ist ihr letzter lebender Repräsentant.

Vielleicht hat kaum eine Gruppe mehr für die Erhaltung europäischer Traditionen getan als jene Juden, die aus Deutschland fliehen mussten. Für Amerika waren sie ein Gewinn – viele bedeutende Wissenschaftler zog es in die Neue Welt. Laqueur gelang es in buchstäblich letzter Minute, am 7. November 1938, nach Palästina zu emigrieren. Seine Eltern, die in seiner Geburtsstadt Breslau lebten, wurden von den Nazis ermordet. Dennoch ist Laqueurs Sicht auf Deutschland nicht emotional, sondern analytisch. Faszinierend sind bis heute seine Memoiren, in denen er unter anderem die ungeheuer große Popularität und Verführungskraft Hitlers beschreibt. Detailliert schildert er, wie es auf junge Deutsche gewirkt hat, „ihren Führer“ auf dem Podium in Breslau stehen zu sehen.

Den Traum von einer europäischen Einheit sieht Laqueur bis heute skeptisch. Seine Vorbehalte, die er vor einigen Jahren in seinem Buch „Die letzten Tage von Europa“ ausformulierte (der Titel erinnert bewusst an Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“), klingen aktueller denn je. Bei Laqueur indes überwiegt generell die Skepsis: In den siebziger Jahren war er eine Art Neokonservativer, der vor einer Finnlandisierung Europas warnte, aus Angst, die Entspannungspolitik von Willy Brandt ginge zu weit.

Ähnlich zurückhaltend urteilt er über die arabische Welt und Israel. Zwar beschwert er sich hin und wieder über eine Israel-Obsession vieler Politiker und Intellektueller, aber den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sieht er durchaus realistisch. Keine Seite sei derzeit kompromissbereit. Also wird noch mehr Blut fließen, vielleicht für Jahrzehnte, bevor eine wirkliche Verständigung gelingen kann. Seine Warnung an Israel: Eine kleine Macht darf sich nicht wie eine Großmacht verhalten. Und zur Vorsicht in der Bewertung mahnt er auch, wenn man ihn auf die „Arabellion“ anspricht, die Freiheitsbewegung in der arabischen Welt. Dem „arabischen Frühling“, glaubt er, werde ein „kalter Herbst“ folgen, die Region werde wohl wieder Zuflucht nehmen zu autoritären Verhaltensmustern.

Unermüdlich schreibt und publiziert Laqueur bis heute. Aktuell sorgt er sich darum, dass der Westen die Gefahren negiert, die von fanatischen Regimen ausgehen. „Den demokratischen Gesellschaften fehlt oft das Vermögen, die Dynamiken jener Gesellschaften und Regierungen zu verstehen, die anders sind als sie selbst.“ Dabei hat Laqueur, der persönlich sehr bescheiden ist, zum Verständnis dieser Gesellschaften enorm viel beigetragen. Wer neunzig wird und mehr Gäste anlockt, als er an Jahren alt ist, hat auf jeden Fall vieles richtig gemacht.

Der Autor ist Senior Editor

beim „National Interest“.

Übersetzt von Malte Lehming.

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