POSITIONEN : Skandalöse Kampagne gegen die „Hungermacher“

Nicht die Spekulationen auf dem Lebensmittelmarkt führt zu massiven Preissteigerungen, weiß Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik und erklärt, warum das Spekulieren mit Lebensmitteln nicht verwerflich ist.

Ingo Pies
Realwirtschaftliche Ursachen für die Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen: Die wachsende Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern, das steigene Pro-Kopf-Einkommen und der zunehmende Fleischkonsum.
Realwirtschaftliche Ursachen für die Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen: Die wachsende Bevölkerung in vielen...Foto: dpa

Auf den ersten Blick sieht alles eindeutig aus: In vielen Entwicklungsländern leiden Menschen Hunger. Schuld daran sind Finanzspekulanten, die mit ihren Terminmarktgeschäften die Preise für Agrarrohstoffe in die Höhe treiben. Namhafte Organisationen der Zivilgesellschaft fordern deshalb, diesem unverantwortlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Manche Banken in Deutschland haben sich aus diesem Geschäftsfeld bereits zurückgezogen. Nur die großen „Hungermacher“ – Allianz und Deutsche Bank – weigern sich noch und stellen damit einmal mehr unter Beweis, wie skrupellos die Finanzbranche agiert. Sieht man genauer hin, dann erlebt man allerdings einige Überraschungen: Richtig ist, dass es in den vergangenen Jahren massive Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen gegeben hat. Das hatte jedoch nicht finanzwirtschaftliche Gründe, sondern realwirtschaftliche Ursachen: Die wachsende Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern, das steigende Pro-Kopf-Einkommen und der zunehmende Fleischkonsum lassen die Nachfrage nach Agrarrohstoffen seit Jahren steigen.

Hinzu kommt eine Nutzungskonkurrenz durch die Förderung der Bioenergie, die der Nahrungsproduktion bedeutende Flächen entzieht. Niedrige Lagerbestände sorgten dafür, dass wetterbedingte Ernteausfälle zu starken Preisausschlägen führten. Die wurden nochmals verstärkt durch eklatantes Politikversagen, als bedeutende Erzeugerländer Exportbeschränkungen erließen und Importländer daraufhin staatliche Aufkaufprogramme starteten, die ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Krise die Preise weiter in die Höhe steigen ließen.

Der Autor ist Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg.
Der Autor ist Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg.Foto: privat

Die Entscheidung der Allianz und der Deutschen Bank, sich aus index-basierten Terminmarktgeschäften nicht zurückzuziehen, kann sich guten Gewissens auf den Erkenntnisstand der internationalen Forschung stützen. Die schweren Vorwürfe, die an die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen gerichtet werden, halten einer empirischen Überprüfung nicht stand: Im Ergebnis zeigt sich, dass die Volatilität – das Auf und Ab der Preise – durch das Terminmarktengagement der Index-Fonds nicht erhöht wurde. Ebenfalls nicht bestätigt wird, dass das Preisniveau durch Spekulation angetrieben wurde. Im Hinblick auf die Preissteigerungen waren die Terminmärkte die Boten, jedoch nicht die Verursacher der Verknappung. Das Thema hat aber durchaus noch mehr Überraschungen zu bieten: Kurz vor Weihnachten versuchte die Deutsche Welthungerhilfe, den Bundespräsidenten für die von ihr erhobene Maximalforderung zu vereinnahmen, die index-basierten Terminmarktgeschäfte auf null zu reduzieren.

Dies veranlasste am 19. Dezember 2012 insgesamt 40 mit dem Thema befasste Wissenschaftler, in einem offenen Brief an Joachim Gauck auf den Stand der aktuellen Forschung und auf die problematische Schieflage der öffentlichen Diskussion hinzuweisen: Wer Hunger bekämpfen will, muss realwirtschaftlich ansetzen, um tatsächlich das Nahrungsangebot zu steigern.

Es gibt mehrere Gründe, über das Verhalten der Welthungerhilfe überrascht zu sein. Den Bundespräsidenten für eine Maximalforderung einzuspannen, von der ein hauseigenes Gutachten explizit abrät, weil sie kontraproduktiv wäre, und dies in einer Situation, in der man längst Kenntnis davon hat, dass Wissenschaftler warnend widersprechen – das sieht nach einem gravierenden Fall von Organisationsversagen aus. Eine auf ihren guten Ruf bedachte Institution müsste sich eigentlich anders verhalten.

Fazit: Der eigentliche Skandal ist nicht die in der Öffentlichkeit vielfach schlecht verstandene – und in ihren Auswirkungen oft grundfalsch dargestellte – Agrarspekulation. Skandalös ist vielmehr die Gemeinschaftskampagne namhafter Organisationen der Zivilgesellschaft. Warum – und vor allem: wie lange noch – hält man unbeirrt an der einmal beschlossenen Kampagne fest, obwohl man längst wissen müsste, dass man Fehlurteilen aufgesessen ist? Hier gibt es Erklärungs- und Handlungsbedarf.

Der Autor ist Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg.

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