POSITIONEN : Todesangst in den Augen

Die Syrer brauchen dringend humanitäre Hilfe.

Tankred Stöbe
Foto: privat Foto: Barbara Sigge/MSF
Foto: privatFoto: Barbara Sigge/MSF

In einer Augustnacht des vergangenen Jahres überquerte ich mit meinem Team zu Fuß die grüne Grenze nach Syrien. Der Ziel unseres Einsatzes: ein provisorisches Krankenhaus für verletzte Syrer aufzubauen, aus Sicherheitsgründen in einer Höhle. Es war mein zehnter Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in einem Krisengebiet, aber selten zuvor war unsere Sicherheit stärker bedroht. Nirgends sonst werden Ärzte und medizinische Einrichtungen so gezielt angegriffen. Der Krieg in Syrien ist komplex, und auch für die humanitären Organisationen gibt es keine einfache Reaktion. Nur eins ist sicher: Wir dürfen den Status quo nicht länger hinnehmen.

Die Syrer leiden seit zwei Jahren unter der Gewalt. Ich erinnere mich an eine alte Frau, deren Hinterkopf durch einen Bombensplitter schwer verletzt worden war. Sie starb innerhalb weniger Minuten. Eine junge Frau, die einen Flankenschuss erlitten hatte, klagte über stärkste Schmerzen, in ihren Augen stand Todesangst. Diese Erfahrungen bleiben mir unvergesslich. Ganze Viertel leben in permanenter Angst – im Belagerungszustand und unter ständigem Beschuss. Millionen Menschen haben den Zugang zu Nahrung, Heizöl, Unterkünften und sauberem Trinkwasser verloren.

Die Zerstörung medizinischer Einrichtungen hinterlässt ein Vakuum in der Gesundheitsversorgung. Die Konfliktparteien verweigern medizinische Behandlungen und greifen gezielt Gesundheitseinrichtungen und deren Personal an – als Kriegstaktik. Viele Gebiete sind auf behelfsmäßige Feldkrankenhäuser in Küchen oder Kellerräumen angewiesen. Das Gesundheitspersonal flieht. Diese Feldkrankenhäuser behandeln bevorzugt die Kämpfer, so dass die Zivilbevölkerung nicht ausreichend versorgt wird.

Auch ohne Genehmigung der Regierung ist es Ärzte ohne Grenzen gelungen, drei inoffizielle Kliniken im Norden des Landes zu errichten. Zusätzlich senden wir Hilfsgüter und medizinisches Material in das Land – sowohl in die Gebiete der Regierung als auch in die der Opposition. Trotz mehrfacher Bemühungen haben wir keine Genehmigung erhalten, im Regierungsgebiet zu arbeiten. Diese eingeschränkte Hilfe ist auf keinen Fall ausreichend und somit den immensen Bedürfnissen im Land nicht angemessen.

Unser Verständnis von unparteilicher Hilfe, die sich nur an den Bedürfnissen der Patienten orientiert, wird in diesem Konflikt wenig respektiert. Die Hilfsaktivitäten in Syrien werden weitgehend so wahrgenommen, dass sie der einen oder der anderen Seite dienen. Es ist nahezu unmöglich, die verschiedenen Frontlinien zu überqueren, obwohl das dringend nötig wäre. Alle Seiten in dem Konflikt instrumentalisieren die Hilfe gleichermaßen für ihre Zwecke. Die regionalen und westlichen Mächte haben ein Interesse daran, aus politischer Solidarität Hilfe zu leisten. Die Vereinten Nationen müssen mit der Regierung in Damaskus zusammenarbeiten, um in Syrien helfen zu können.

Wegen der massiven Politisierung der Hilfe in Syrien ist es verständlich, dass die Konfliktparteien und die lokalen Gemeinden Hilfslieferungen aus den gegnerischen Gebieten misstrauisch betrachten. Dieses Problem hat die Regierung in Damaskus zu verantworten – da sie unabhängigen Organisationen den Zugang ins Land verweigert. Der Schlüssel liegt also in Damaskus: Nur die Regierung kann die Blockade der Hilfe beenden, indem sie unabhängige Akteure zulässt. Alle Konfliktparteien müssen dringend ein Übereinkommen aushandeln, das im ganzen Land lebenswichtige humanitäre Hilfe ermöglicht. Damit solch ein Abkommen zustande kommt, sind diplomatische Bemühungen notwendig. Während wir darauf warten, dass die politischen Blockaden aufgelöst werden, muss die Nothilfe ausgeweitet werden, auch ohne Zustimmung aller Konfliktparteien.

Die Gewalt in Syrien wütet unvermindert weiter. Der politische Stillstand darf keine Ausrede sein, jetzt nicht zu helfen.

Der Autor ist Präsident von Ärzte ohne Grenzen

in Deutschland.

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