POSITIONEN : Verzicht ist keine Lösung

Horst Köhler und Kurt Biedenkopf kritisieren die Vorstellung vom "grenzenlosen Wachstum": Dabei brauchen wir Wachstum für den gesellschaftlichen Wohlstand

Philipp Schuller
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Foto: privat

Das Wachstum, ein Begriff aus Biologie und Natur, unverfänglich in die Wirtschaftswissenschaften übernommen, wird gerade zur Wurzel allen Übels erklärt. Bundespräsident Köhler sagte in seiner „Berliner Rede“: „Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen … Wir wollen Zufriedenheit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht länger nur von einem quantitativen ,Immer mehr‘ abhängig machen.“ Und auch Kurt Biedenkopf entlarvte im „Spiegel“ die Wachstumsideologie: „Das Wachstum ist zum Fetisch geworden, mit all den irrationalen Konsequenzen, die wir heute als Ausbeutung der Natur, Zerstörung des Klimas und Belastung nachfolgender Generationen erleben.“

Das Unbehagen am Wachstum ist vor allem Ausdruck einer Angst vor der Zukunft und vor Veränderung. In Zeiten der Unsicherheit ist die verständlicherweise besonders ausgeprägt. Doch hinter der Kritik am „grenzenlosen Wachstum“ steht auch eine Utopie des verordneten Glücks, die das dynamische, kreative Wesen des Menschen verkennt, und die in der Geschichte noch nie zum Ziel geführt hat. Unsere realen Interessen bedient diese Utopie nicht. Denn Wachstum ist nicht an bestimmte Ziele gebunden; es ist die Folge unseres Strebens nach einer besseren Welt.

Dabei gibt es keinen Dissens darüber, dass wir noch nicht am Ende der Geschichte angelangt sind, sondern von der Zukunft reale Verbesserungen erwarten: dass es eine Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau für alle gibt; dass mehr in Bildung investiert wird, um gerechtere Lebenschancen zu garantieren; dass es eine nachhaltige Energieversorgung gibt. Die Lebenserwartung zum Beispiel steigt in den wohlhabenden Ländern jedes Jahr um drei Monate und diese Lebensverlängerung vollzieht sich in Gesundheit. Diese für alle erfreuliche Entwicklung ist allerdings kostspielig. Jedes Jahr wachsen die Gesundheitsausgaben ein Prozent schneller als das BIP. Wir werden in Zukunft einen immer größeren Teil unseres Wohlstandes für Gesundheit verwenden wollen.

Niemand will auf ein längeres Leben, auf mehr Chancengerechtigkeit und einen gesunden Planeten verzichten; niemand will, dass wir als Gesellschaft diese Ziele aus den Augen verlieren, auch der Bundespräsident und Kurt Biedenkopf nicht. Sie scheinen allerdings davon auszugehen, dass wir dafür eine Wende brauchen: Verzicht statt Begehren, Besinnung statt technischem Fortschritt.

Das ist nur deswegen nicht offensichtlich absurd, weil es sich bei diesen drei Zielen um solidarische Güter handelt, die weder dem eigenen Wohlstandsbegriff zugerechnet werden, noch der eigenen Anstrengungen wert sind. Doch dieses Missverständnis kann uns zum Verhängnis werden. Denn auch für gesellschaftlichen Wohlstand müssen wir arbeiten. Er wird ohne Wachstum nicht zu haben sein. Das zeigt ein Vergleich der Ausgaben eines Durchschnittshaushalts: Schon jetzt gehen 30 Prozent auf das Konto von Energie, Bildung und Gesundheit, wenn man die personenbezogenen öffentlichen Ausgaben der letzten beiden Gruppen diesem Haushalt zuordnet. Für Luxus wie Reisen oder Unterhaltung werden nur 20 Prozent ausgegeben. Selbst wenn ein Verzicht auf Luxus politisch organisierbar wäre, können wir gar nicht so viel verzichten, wie wir in Zukunft ausgeben wollen.

Wenn wir noch Ziele haben, können wir uns nicht zurücklehnen, sondern müssen für sie arbeiten – mehr arbeiten, aber vor allem besser arbeiten. Nachhaltige Energieversorgung und Gesundheit hängen eng am technologischen Fortschritt, der wiederum nur mit hohen Qualifikationen und stetigen Investitionen zu leisten ist: mehr Facharbeiter, mehr Hochschulabsolventen, 2. Bildungsweg für Menschen ab 40. Dass wir außerdem Kapital und seine Institutionen brauchen, allen voran die Banken, weil erst Arbeit und Kapital zusammen Wachstum erzeugen, wäre ein weiteres Thema.

Wer also auf Lebensqualität, auf Freiheit und Gerechtigkeit nicht verzichten möchte, der darf auch auf Wachstum nicht verzichten.

Der Autor ist Investment-Manager in Frankfurt und Koautor des Buches „Geschäftsplan Deutschland“ (Schäffer-Poeschel), das einen nationalen Entwicklungsplan für die nächsten 25 Jahre skizziert.

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