Positionen : Vollprogramm statt Ereigniskanal

Für die Kritiker ist die Sache klar: ARD und ZDF sind an der Ägypten-Krise gescheitert. Dabei haben die Sender ganz andere Aufgaben als die, rund um die Uhr News-Junkies zu befriedigen. Eine Verteidigung.

Peter Frey
Verteidigt die ZDF-Programmplanung während der Ägypten-Krise: ZDF-Chefredakteur Peter Frey.
Verteidigt die ZDF-Programmplanung während der Ägypten-Krise: ZDF-Chefredakteur Peter Frey.Foto: dapd

Ereignisse wie die Revolution in Ägypten stellen Vollprogramme wie ZDF und ARD vor ein Dilemma: Wie viel Sendezeit widmen wir solchen Zeitenwenden, die faszinierend, aber auch unberechenbar sind? Wann unterbricht man das Programm, auf das sich Zuschauer eingestellt haben, lässt ganze Sendungen oder beliebte Serien entfallen?

Für die Kritiker scheint die Sache klar: Wenn Großes in der Welt passiert, muss das Regelprogramm weichen, müssen ARD und ZDF Platz schaffen für Bilder, Emotionen, Reden – und alles live. Dabei-Sein ist nach dieser Formel mehr wert, als nur informiert werden. Wir kennen diese Erwartungshaltung, fühlen als Journalisten oft ähnlich, wir wissen aber auch, dass die Mehrheit des Publikums anderes von uns erwartet.

Sicher, die News-Junkies unter uns konnten von den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz gar nicht genug bekommen und klinkten sich ein bei Nachrichtenkanälen wie CNN oder BBC World. Aber die Mehrheiten, und um die muss sich ein gebührenfinanziertes System kümmern, verlassen sich auf Nachrichtenzeiten und freuen sich schon aufs nächste Programm – Küstenwache, Rosenheim Cops, Forsthaus Falkenau. Nicht zufällig sind ZDF oder ARD erfolgreicher als N-TV oder N 24. RTL übrigens lässt sich abgesehen von seinen wenigen Nachrichtensendungen von Ägypten gar nicht beeindrucken und hält am starren Programmschema fest.

Die Verhältnisse sind in Ägypten in Bewegung geraten – ohne den einen, symbolischen Punkt, an dem alles kippte. Das Schlüsselbild – wie am 11. September 2001 in New York oder beim Einmarsch der Amerikaner im Irak 2003 mit dem Sturz der Statue des verhassten Diktators – gab es (noch) nicht. So haben wir nicht dauernd live, aber immer konzentriert berichtet und haben die Umwälzungen am Nil mit fast stündlichen Nachrichtensendungen, mit einem „heute-Journal“, das an entscheidenden Tagen fast zur Ein-Themen-Sendung wurde, mit „ZDF spezial“ zur besten Sendezeit begleitet.

Natürlich wurden dafür beliebte Serien geschoben, Sendungen wie „hallo Deutschland“, „Leute heute“ oder „ZDF-Reporter“ entfielen ganz. Dafür erreichten, eingebettet zwischen Nachrichten und Unterhaltung, ein Dutzend Sondersendungen ein Millionenpublikum und informierten beispielsweise über die unübersichtlichen Verhältnisse in der ägyptischen Opposition oder die Sicherheitsinteressen Israels. Wenn „heute“ oder „ZDF spezial“ vorbei waren, boten „auslandsjournal“ oder „Maybrit Illner“ noch mehr Ägypten-Informationen.

Zum großen Angebot im Hauptprogramm des ZDF kommen viele Dokumentationen im ZDF-Infokanal, auf Phoenix und ein umfangreiches Ägypten-Programm auf den Onlineplattformen zdf.de und heute.de. Darin enthalten sind Exklusiv-Elemente wie ein Nachrichtenticker, der übersetzte und kommentierte Livestream von Al Arabiya und alle Videobeiträge aus der ZDF-Mediathek – jederzeit für jedermann verfügbar, und messbar erfolgreich.

Der Vergleich mit amerikanischen oder britischen News-Channels hinkt ohnehin: Das ZDF ist ein Vollprogramm, das in Deutschland empfangbare „BBC World“ dagegen ein spezialisiertes Spartenprogramm, dessen Marktanteil im Vereinigten Königreich zu vernachlässigen ist.

Das ZDF hatte in den vergangenen Tagen mehr als zehn Reporter in der Region: fünf in Ägypten, zwei in Israel, jeweils einen in Jordanien, Tunesien und der Türkei. Sie arbeiteten, wie Souad Mekhennet jetzt im „heute-Journal“ eindringlich schilderte, zum Teil unter Einsatz ihres Lebens. Vor diesem Hintergrund wirkte manche Kritik am ZDF für uns nicht fair. ZDF-Korrespondent Dietmar Ossenberg erlebte während einer seiner vielen Schaltungen, wie sein Kameramann live im „heute-Journal“ von einem Laserstrahl erfasst wurde, wie ihn auch Scharfschützen benutzen. Auch das war Teil der Realität, die die Zuschauer im ZDF sehen konnten.

Der Autor ist seit April 2010 Chefredakteur des ZDF.

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