POSITIONEN : Von wegen Revolution!

Der Aufstand in der DDR wird mythisiert: Was dort vor 20 Jahren geschehen ist, war keine Revolution, sondern eine Restauration

Benedict Maria Mülder
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Foto: privat

Nun hat es der Herbst der Anarchie von 1989 in die Walhall der deutschen Revolutionen geschafft. Keine Feier, keine Rede ohne Revolutionsmystik, seit dem Frühjahr geht das so. Nun werden die ersten Revolutionsstelen an historischer Stätte eingeweiht, es fehlt nicht viel zum revolutionären Lehrpfad, zur Straßenumbenennung oder einem Revolutionsmuseum. 20 Jahre danach reden alle nur noch von der ersten erfolgreichen deutschen Freiheitsrevolution.

Doch diese war, wie meine ostdeutschen Freunde, die dem Land schon vor 1989 den Rücken gekehrt haben, mit Hinweis auf die zahlreich Verletzten, Niedergeknüppelten und Verhafteten einwenden, weder friedlich noch eine Revolution. In ihren Augen fehlte es vor allem daran, dass die Verantwortlichen in SED und Stasi nicht „revolutionär“ davon- gejagt wurden – und deshalb heute ihre Kader aus dem Mittelbau zusammen mit ihren westlichen DDR-Apologeten allerorten wieder an die Macht streben. Bald werden sich auch die Genossen der umbenannten SED zur „revolutionären Tradition“ von 1989 bekennen. Da ihre Altvorderen nicht schossen, hätten sie, ganz revolutionär, eben auch zum Erfolg der Sache beigetragen.

Es ist ja richtig. 1989 wussten die Herrschenden nicht weiter, und die Beherrschten wollten nicht mehr weiter – wollten vor allem einfach weg. Die Daheimgebliebenen indes waren gegenüber der „revolutionären“ Ausreisebewegung ziemlich skeptisch. Doch sie war der eine wirkungsvolle Arm der unbewaffneten Befreiungsfront zur Niederschlagung des SED-Regimes, der andere blieb, auch aus Trotz, gab sich verwurzelt und demonstrierte als „Bürgerrechtsbewegung“ neue, ungewohnte Stärke. Doch das sich seiner selbst bewusste revolutionäre Subjekt, wie wir es aus der Geschichte kennen, avantgardistisch, parteilich, mit klarem Ziel – gab es nicht! Das Monadenhafte der Grüppchen, Foren und Einzelaktivitäten, das Netzwerk der sich entwickelnden bürgerlichen Szenen, ob kirchlich, ökologisch, feministisch oder friedensbewegt, ergab keine Blaupause für revolutionäre Stoßtrupps. Im Gegenteil. Statt reinen Tisch zu machen, ließen sich die Akteure über den runden Tisch ziehen, lernten viel und vergaßen, die Machtfrage zu stellen. Noch heute merkt man Bärbel Bohley an, dass der in ihren Augen viel zu frühe Mauerfall nicht der ihre war. Wenige Tage später klagte sie: „Die Menschen sind verrückt, und die Regierung hat den Verstand verloren.“

So diffus die Operationen und Forderungen der Opposition jener Zeit auch waren, in einem trafen sich doch alle. Es ging ihnen um die Wiedergewinnung des bürgerlichen Rechtssubjekts, um die Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheiten und der sie garantierenden Institutionen. Und das unterscheidet diesen Aufstand, diesen Aufbruch, diese Umwälzung der Verhältnisse von all den anderen Lokomotiven der Geschichte, von den Revolutionen in Amerika, England oder Frankreich. Doch in der DDR musste nichts wirklich Neues geschaffen werden, fiel dank der Schwerstarbeit in der CSSR (Charta 77), Polen (Solidarnosc) und Ungarn den Deutschen die Möglichkeit zur Renaissance bürgerlicher Verhältnisse, seien wir ehrlich, fast wie eine reife Frucht in den Schoß. Sie musste allerdings aufgenommen werden. Auf dem Gebiet der DDR, an der Seite der Bundesrepublik, ging es um nichts anderes als die Restaurierung bürgerlicher Zustände, wie es sie bereits vor den Verheerungen durch den National- und den andersgearteten „real existierenden Sozialismus“ im Osten Deutschlands, also vor 1933, gegeben hatte.

Revolution ist ein großes Wort, und für den Dichter Durs Grünbein, „nebenbei gesagt, auch ein ziemlich verbrauchtes, das 20. Jahrhundert hat sein Soll darin bereits übererfüllt“. Es macht die damaligen Ereignisse, das Tun von wenigen Millionen, ihren Mut, ihren Kampf nicht glanzvoller, wenn man es heute (national-)revolutionär aufpeppt.

Der Autor lebt als freier Journalist in Berlin.

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