Positionen : Vorbild Ho Chi Minh

Die Apo lehnte die Errungenschaften der Bundesrepublik ab.

Wulf Schönbohm

Jetzt feiern sie sich wieder, die selbst ernannten Revolutionäre von 1968. Heldenhaft haben sie vor 40 Jahren in Berliner Straßenschlachten gegen die Polizei ihren Mann gestanden. Als Zeitzeuge, der 1964–68 in Berlin und Bonn studiert hat und politisch aktiv war, als Gegner des SDS, kann ich mich an Helden jedoch nicht erinnern. Ziel des SDS war es, durch Provokationen und Rechtsbrüche bewusst die Auseinandersetzungen mit der „Staatsmacht“ eskalieren zu lassen, um den „scheindemokratischen, faschistoiden“ Charakter der Demokratie und des Rechtsstaates vor Augen zu führen und dadurch das „richtige Bewusstsein“ für die Notwendigkeit ihrer Beseitigung zu schaffen.

Der SDS als politischer Kern der Apo lehnte all die politischen Errungenschaften der Bundesrepublik wie parlamentarisch-repräsentative Demokratie, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft und gesellschaftlichen Pluralismus ab und wollte stattdessen eine revolutionäre Veränderung zugunsten eines rätedemokratischen, utopischen sozialistischen Systems. Das Modell der westlichen Demokratien haben die neuen Genossen bekämpft, die totalitären Diktatoren Ho Chi Minh, Mao und Fidel Castro haben sie verehrt.

Die neomarxistische Theorie des SDS war falsch und ein politischer Irrweg, der in scheinrevolutionären Aktionismus und in den Terror der RAF führte. Weil der SDS keines seiner politischen Ziele erreicht hatte und zerstritten war, löste er sich bereits 1970 selbst auf. Die aus seiner politischen Konkursmasse entstandenen kommunistischen, maoistischen und trotzkistischen Sektierergruppen waren noch dogmatischer und realitätsblinder als der SDS. Einige ihrer Aktivisten landeten allerdings später bei den Grünen und der SPD. Bilanziert man die politischen Folgewirkungen von SDS und Nachfolgegruppen, wird von den ehemaligen Akteuren gerne vergessen, dass zahllose ihrer idealistischen Mitläufer und Aktivisten in der Sackgasse des Extremismus und der Kriminalität, der Hausbesetzer, des Terrorismus und der Autonomen gelandet sind. Allein deshalb wäre von ihnen eher Selbstkritik als Selbstüberhöhung zu erwarten. Aber dies lässt ihre unerschütterliche Arroganz als immerwährende Inhaber der politischen Moral und Wahrheit nicht zu.

All die Reformen, die Deutschland in den 70er und 80er Jahren liberaler, demokratischer und toleranter gemacht haben, gehen nicht auf den SDS zurück, der Reformen als kontraproduktiv für die Revolution ansah, sondern auf die konservativen, liberalen und linken Reformer in den vom SDS verachteten „Systemparteien“. Damit können sich also die 68er nicht schmücken. Und in welch erbarmungsloser Art sie damals ihre reformorientierten Kritiker von rechts, wie zum Beispiel Löwenthal, Fraenkel und Springer, und von links, wie zum Beispiel Habermas, Adorno und Horkheimer, herabgesetzt und beschimpft haben, war und ist eine Schande.

Ja, es gab Ende der 60er Jahre in der jungen Nachkriegsgeneration aller westlichen Gesellschaften den Drang zu Veränderung, zur Abkehr von Traditionen, von überholten Moral- und Anstandszwängen hin zu einer offeneren Gesellschaft. Es ging darum, die immateriellen Defizite einer in Wohlstand, Ordnung und Tradition erstarrten Gesellschaft zu beseitigen. Die SDS-Ideologen haben diesen notwendigen Prozess eher behindert oder in die Irre geführt als gefördert. Wenn sie Bewunderung und Unterstützung von Jugendlichen erfuhren, dann wegen der spektakulär inszenierten Verhöhnung der Autoritäten, nicht aber wegen ihrer revolutionären Ziele.

Mein Bruder Jörg hat im Tagesspiegel den Erosionsprozess der heutigen Gesellschaft beklagt und ihn den 68ern angelastet. Damit tut er ihnen zu viel Ehre an, denn einige dieser gesellschaftlichen Veränderungsprozesse waren Selbstläufer oder überfällig; und einige der damaligen Reformen mit heute feststellbaren negativen Folgen sind im Überschwang des Aufbruchs gemacht worden, weil die jeweils Verantwortlichen in Politik, Medien und Gesellschaft zu wenig Durchblick oder Zivilcourage besaßen.

Der Autor ist CDU-Politiker und war von 1967–68 Bundesvorsitzender des Ringes Christlich Demokratischer Studenten (RCDS).

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