POSITIONEN : Warum ich für Deutschland bin ...

... jedenfalls ein bisschen und vielleicht als einzige türkische Deutsche. Allein der Gedanke, sich mit Deutschland bei den popkulturell wichtigsten Ereignissen zu identifizieren, scheint abwegig.

Fatma Sagir

Lukas Podolski wurde dieser Tage gefragt, wie es sich anfühle, gegen Polen zu spielen. Denn Lukas Podolski ist „gebürtiger Pole“, er ist ein deutscher Nationalspieler mit „Migrationshintergrund“. Warum hat er nicht gejubelt, nachdem er bei dem Spiel gegen Polen das Tor für Deutschland geschossen hatte? Darauf hat er, wie kein Fußballer vor ihm, etwas wirklich Kluges gesagt. „Aus Respekt vor dem Land. Meine Familie lebt dort.“ Das inspiriert mich. So werden meine Arme am Mittwoch beim Spiel Türkei – Deutschland wohl auch unten bleiben.

Denn zu jeder EM oder WM geht die Loyalitätsfrage um: Bist du für Deutschland oder für die Türkei? Für Deutschland, antworte ich müde und ernte Ratlosigkeit. Ich kann mich an jedes einzelne Deutschlandspiel vor zwei Jahren erinnern. Vor allem wegen der Spieler. Sie spielen gut. Und sonst interessiert mich Fußball überhaupt nicht!

Als ich noch ein Teenager war, fand ich Deutschland doof. Die sollten nicht gewinnen. Die sind arrogant und können kein Fußball spielen, dachten wir Kinder. Für all das, was mir dieses Land verwehrte – einen deutschen Pass, Anerkennung und mehr als 70 Quadratmeter für sieben Personen – musste die deutsche Nationalmannschaft herhalten, sie konnte also nicht auf meine Unterstützung zählen. Wir waren für Brasilien oder Italien. Warum nur? „Das sind auch Südländer, so wie wir“, erklärte mir mein Onkel. Ich war skeptisch ob dieser Antwort, blieb aber trotzdem unversöhnlich mit Kaiser Franz und Co.

Zu dieser EM wird die Loyalitätsfrage noch dringender gestellt als je zuvor. In einer Radiosendung berichtet ein Hörer nach dem Türkei–Schweiz-Spiel, er habe an einer Autobahnbrücke lesen dürfen: Türkei ist nicht Europa! Bei keinem Türkeispiel waren die Zuschauer in meinem Umfeld für die Türkei. Dabei wurde von mir als Zeichen der Integration stets erwartet, dass ich für Deutschland, oder als Zeichen meiner Desintegration, für die Türkei sein sollte. So wehrte ich mich lange gegen dieses „dämliche Spiel“, wie ich mich ebenso weigerte, mich für oder gegen das eine oder andere Land entscheiden zu müssen. Nicht nur im Sport. Meine Sturheit hat sich bewährt. Zumindest hat sich die deutsche Nationalmannschaft so entwickelt, dass in ihr nun viele Spieler mit Migrationshintergrund existieren. Wir haben zwar keinen Spieler mit türkischem Hintergrund, wie es bei der Schweiz der Fall ist, aber das kann ja noch kommen. Offenbar sind die Altintop-Brüder noch unversöhnt mit Deutschland. Sie spielen lieber für die Türkei.

In der Lokalzeitung lese ich eine Fußballumfrage unter Kindern. Die Antwort eines türkischstämmigen Neunjährigen lautet: „Mein Land, die Türkei ...“ Halt, möchte ich protestieren, du kannst ja sein, für wen du willst, aber hier ist dein Land. Merkwürdig, dass es kein Korrektiv für solche Aussagen gibt.

Meine Schwester schafft nur, ein ungläubiges „Du Nationalistin“ herauszupressen, als ich ihr erzähle: „Wir Deutschen können einfach besser Fußball spielen.“

Man mag bezweifeln, ob sich an einem Sportereignis Integration und gegenseitige Akzeptanz ablesen lassen. Es fällt aber auf, dass offenbar kaum jemand von den Einheimischen für die Türkei ist und die türkischen Deutschen nahezu ausnahmslos für die Türkei sind. Sie kämen auch bei dem Grand Prix nie auf die Idee, für Deutschland zu sein. Allein der Gedanke, sich mit Deutschland bei den popkulturell wichtigsten Ereignissen zu identifizieren, scheint abwegig. Und niemand hinterfragt offenbar diese merkwürdigen Loyalitäts- und Illoyalitätsbekundung. Alle, Einheimische wie Eingewanderte, scheinen bloß beruhigt aufzuatmen. Die Rollen sind klar. Wir hier, dort die anderen.

Vielleicht hören die Loyalitätsfragen auf. Vielleicht bis zur nächsten WM oder EM. Bis dahin halte ich es mit Poldi und verneige mich vor so viel Weisheit.

Die Autorin ist Islamwissenschaftlerin und lebt in Freiburg i. Br.

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