POSITIONEN : Weder billig noch schnell

Wie die Energiewende vor ihrem eigenen Erfolg gerettet werden kann.

Jason Harlan
Foto: promo
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Man kann es so sehen: Sehr viel, sehr schnell. Fast 35 Prozent der installierten elektrischen Erzeugungskapazität in Deutschland entstehen aus Solar- und Windenergieanlagen, weitere Anlagen befinden sich in Bau oder Planung. Die weltbesten Wind- und Solarentwickler sowie Investoren aus dem In- und Ausland engagieren sich. Die zusätzliche Erzeugung treibt den Preis an der Strombörse in den Keller. Die Energiewende ist gelungen!

Oder so: Mit Ausnahme ausgewählter Großkunden waren die Kosten für den Endverbraucher nie so hoch. Die Wirtschaftlichkeit von sauberen und flexiblen Kraftwerken (wie Gas) war nie so niedrig, aber mehrere sind stillgelegt. Die Gewinner heißen umweltbedenkliche Braunkohle und Kohle. Hinzu kommt, dass die technische Stabilität des Netzwerksystems durch so viel neue gestreute Erzeugung gefährdet ist. Die Energiewende ist gescheitert!

Wahrheit kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Klar ist, dass die erneuerbare Energieerzeugung ein wesentlicher Teil des Energiesystems geworden ist. Sie ist weder wegzudenken noch als unbedeutsame Pionierarbeit zu behandeln. Die Unternehmen der erneuerbaren Energie müssen bereit sein, ihren Teil für den Aufbau eines nachhaltigen Systems zu leisten. Dazu gehören ein zusätzliches Engagement auch angesichts rascher weiterer Entwicklung sowie Schritte zu notwendiger Konsolidierung.

Vor zehn Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass so viel der installierten elektrischen Erzeugungskapazität in Deutschland aus Solar- und Windenergieanlagen entsteht. Dass dieser beispiellose Ausbau gerade in Deutschland stattgefunden hat, angesichts der relativ geringen Sonneneinstrahlung und niedriger Windwerte, ist bemerkenswert. Zudem hat diese Entwicklung ohne eine signifikante Einbindung der großen Energieversorger stattgefunden, die den konventionellen Erzeugungs- und Verteilungsmarkt über Jahrzehnte beherrscht haben. Man könnte den Eindruck gewinnen, als würde die Energieerzeugung ohne Mühe grün sein, die zentralisierte fossile Erzeugung der Vergangenheit angehören und die Wirtschaft trotz der damit einhergehenden Kosten wettbewerbsfähig bleiben. Diese Kosten beinhalten sowohl den Ausstieg aus der Kernenergie als auch den Aufbau einer Netzinfrastruktur, die es ermöglicht, die neu erzeugten Kapazitäten verlässlich zu verteilen.

Die Situation demonstriert den starken politischen Willen Deutschlands, die CO2-Emissionen einzudämmen und Voraussetzungen zu schaffen, die die deutsche Wirtschaft weitestgehend unabhängig von den zukünftig zu erwartenden Kosten des Brennstoffimports macht. Deutlich wird, dass die Energiewende auch ohne eine Kanalisierung von Investitionen durch die großen Versorgungsunternehmen in die gewünschte Richtung läuft; entscheidend sind kontinuierliches politisches Engagement in Kombination mit einem klaren Ziel.

Denn ohne gut durchdachte Zugeständnisse zum Schutz der Träger des Systems – das heißt eine wirtschaftliche saubere Erzeugung, ein Ausbau der Netze und die Erhaltung einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft als Grundlage für die zukünftige Entwicklung – könnte das Erreichte infrage gestellt werden und letztendlich in Misskredit geraten.

Eine einfache Lösung wird es nicht geben – die Energiewende ist weder billig noch kurzfristig zu realisieren –, aber ein paar Maßnahmen könnten dazu beitragen.

Von der Regierung etwa sollte das Thema zentral behandelt werden. Energie als wesentlicher Teil der Gesamtvolkswirtschaft passt ganz natürlich in das Wirtschaftsministerium. Außerdem muss die Förderung der Energieerzeugung auch eine saubere und flexible Kapazität der konventionellen Kraftwerke decken.

Der Autor vertrat den US-Energiehändler Southern Energy, später Mirant in Berlin, der knapp die Hälfte der Bewag-Anteile hielt. Seit 2003 ist er Gesellschafter bei Fieldstone, einer Investmentbank mit Schwerpunkt im Bereich Energie und Infrastruktur.

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