POSITIONEN : „Wehe, wenn das Volk zur Eigenhilfe greift“

Das französische Verbot des Schleiers könnte schlimme Folgen haben. Die militantesten muslimischen Kreise sind in ihren Interessen berührt.

Sibylle Tönnies

Eine gute Idee: endlich zu verbieten, dass sich verschleierte Frauen in der Öffentlichkeit zeigen! Ist doch furchtbar – diese schwarzen Gespenster, die wandelnde Zeugnisse sind von Diskriminierung und Unterdrückung … Andererseits: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken!“ So sagte Schiller im Lied von der Glocke. Das aktuelle Geschehen, auf das er sich damals bezog, spielte sich ebenfalls in Paris ab und war schon von derselben guten Idee getragen wie heute das Verbot der Verschleierung: die Französische Revolution. Die gute Idee – Freiheit und Gleichheit – hatte einen unkontrollierbaren Terror, ein furchtbares Blutbad ausgelöst. „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“

Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen. Aber wir wollen uns in Erinnerung rufen, wie viel Böses die guten Ideen, zu früh und zu rigoros in die Tat umgesetzt, auslösen können. 1785, vier Jahre vor der Revolution, hatte Schiller deren Prinzipien noch als „des Lichtes Himmelsfackel“ angesehen und ihnen in der Ode an die Freude gehuldigt. Der schöne Götterfunken: Das waren Freiheit und Gleichheit.

Der Terreur kurierte ihn gründlich. 1799 schrieb er das Lied an die Glocke, in dem es heißt: „Weh denen, die dem ewig Blinden des Lichtes Himmelsfackel leihn, sie strahlt ihm nicht und kann nur zünden und äschert Städt und Dörfer ein.“ Der ewig Blinde – das ist der Mensch.

Mit dem französischen Verschleierungsverbot ist der neuralgische Punkt unserer Zeit getroffen. In dieser wie in keiner anderen Frage stoßen die modernen Werte der Gesellschaft mit den alten Werten der Gemeinschaft so hart aufeinander. Da sprüht ein historischer Funke. Da wird der allmähliche Wandel, der die Weltgeschichte prägt und seit Jahrhunderten im Gange ist – dieser Wandel, der noch nicht beendet ist und noch viel Zeit braucht, plötzlich in einem Ereignis auf die Spitze getrieben.

Die Folgen der Eliminierung der verschleierten Frauen aus dem öffentlichen Leben sind unabsehbar. Immerhin sind die militantesten muslimischen Kreise in ihren Interessen berührt. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Hier wird der Leu geweckt – der Löwe. Tausende von jungen muslimischen Männern lungern auf den Straßen und warten auf ihren Einsatz. „Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte der Feuerzunder still gehäuft, das Volk, zerreißend seine Kette, zur Eigenhilfe schrecklich greift!“

Dieser Besorgnis hält man mir entgegen: Es müsse ja nicht gleich so schlimm kommen wie damals im Terreur – und dessen Folgen würden weit übertrieben. Er habe weniger Tote gekostet als eine kleine Schlacht im Ersten Weltkrieg. Dem stünde doch die Tatsache entgegen, dass die Revolution die Idee von Freiheit und Gleichheit beflügelt habe, die sich jetzt auf dem Siegeszug um die Welt befindet. Stimmt auch wieder …

Das Kunstvolle an Schillers „Glocke“ ist, dass er in seinen Versen das Gießen einer Glocke mit großer Genauigkeit darstellt und im Laufe dieses Geschehens, im Wechsel versetzt, allegorische Betrachtungen über das Menschheitsgeschehen anstellt. Nachdem die Form – aus Lehm gebrannt – fest gemauert in der Erde steht, wird das heiße, schäumende Erz eingegossen. Nun kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an, zu dem die Form zerbrochen werden kann. „Der Meister kann die Form zerbrechen, mit weiser Hand zur rechten Zeit. Doch wehe, wenn in Flammenbächen das glüh’nde Erz sich selbst befreit!“ Wer ist der Meister, wenn es um die Aufhebung der Verschleierung geht? Gott? Allah? Oder der Weltgeist, der sich so gern verkörpert? Womöglich in Nicolas Sarkozy?

Die Autorin ist Juristin und lehrt an der Universität Potsdam.

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