POSITIONEN : Weiße Frau, schwarzer Mann

Ein Minderheitenbonus auf jeder Seite: Warum Sarah Palin und Barack Obama die Schlagzeilen beherrschen.

Rafael Seligmann

Seit den Tagen des Schwarz- Weiß-Westerns kennen wir das Szenario: Das Provinz-Dummerchen entpuppt sich, je weiter die Handlung voranschreitet, als die entscheidende Persönlichkeit. Sarah Palin, mit altmodischer Frisur und noch altmodischeren Ansichten, wäre eine ideale Besetzung für diese Rolle. Nach ihrer ersten großen Vorstellung auf dem Parteitag der Republikaner erhielt die Gouverneurin aus Alaska gewaltigen Beifall.

Es ist kein Zufall, dass nun erneut eine Frau – nach Hillary Clinton – und ein Schwarzer den amerikanischen Wahlkampf beherrschen. Gut die Hälfte der Amerikaner und mehr als 80 Prozent der Deutschen, die sich Barack Obama als Präsidenten der Vereinigten Staaten wünschen, wähnen sich als Modernisten. Tatsächlich sind sie Reaktionäre der politischen Korrektheit.

Obama steht vermeintlich für Change, für Wechsel und Wandel. Die Politik soll fortan dem Frieden dienen, die Gesellschaft nicht zuletzt dank einer ausgleichenden Steuerlast gerechter gestaltet werden, die medizinische Versorgung umfassender sein, die nationalen Interessen der USA sollen stärker berücksichtigt, die Todesstrafe beibehalten, ihre Anwendung ausgeweitet werden. Kurz, er will alles, von dem er annimmt, es würde den Wählern gefallen.

Ein entsprechendes Programm hatten alle demokratischen Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur verkündet. Etwa gleich viel Stimmen wie Obama fuhr Hillary Clinton ein. Die New Yorker Senatorin hatte mit der Parole Experience, Erfahrung, geworben. Damit spielte sie auf Lehr- und Leidensjahre an der Seite ihres sinnesfreudigen Gatten, Präsident Bill Clinton, an. Hillarys eigene politische Versuche, etwa das Gesundheitssystem zu reformieren, indessen sind grandios gescheitert.

Hillarys Erfahrung und Obamas Wechsel waren objektiv nicht ausschlaggebend für ihren jeweiligen Erfolg, sondern gender and race, Geschlecht und Rasse. Hillary ist eine Frau, Palin ist auch eine Frau, Obamas Vater kam aus Afrika.

Lange vorbei ist die Zeit, in der in Hollywoodstreifen tumbe schwarze Dienstmänner dem weißen Helden auf den Gaul halfen, während ihn nach vollbrachter Tat weibliche Dummerchen mit ihren Reizen zu belohnen hatten. Die US-Filmemacher hatten noch eher als die meisten Intellektuellen, die sich später unter dem 68er Label scharten, die Macht des Feminismus und der rassischen Gleichberechtigung erkannt und deren Segnungen den Normalbürgern eingetrichtert.

Im August 1963 verkündete Martin Luther King seinen Traum eines Landes, das sich an den biblischen und aufklärerischen Idealen der Gleichheit orientiert. Dieses Credo machten sich alsbald die Filmfritzen zu eigen. Um es ihren Zuschauern nahezubringen, brauchten sie neue Helden. Ihr erster Prototyp war Sidney Poitier. Als schwarzer Kriminalist Virgil Tibbs aus dem fortschrittlichen Norden erweist er sich im Streifen „In der Hitze der Nacht“ dem verbohrten Rassisten in einem Südstaatenkaff als moralisch, intellektuell und beruflich haushoch überlegen. Virgil Tibbs war künftig die Benchmark, an der sich die politisch korrekte amerikanische Illusionsindustrie orientierte.

Bald entdeckten die Filmemacher auch das weibliche Publikum. Schließlich gibt es in Amerika wesentlich mehr Frauen als Schwarze. Es versteht sich, dass dabei am besten die Schnittmenge zum Tragen kam, also dunkelhäutige Frauen wie Whoopie Goldberg, Halle Berry oder die Talkerin Oprah Winfrey. Sie waren und bleiben der Maßstab des amerikanischen Films und Fernsehens.

Es dauert eine Weile, ehe mediale Gehirnwäsche wirkt. Eine schwarze Präsidentschaftsbewerberin wäre unaufhaltsam gewesen. Doch Palin und Obama haben jeweils nur einen Minderheitenbonus vorzuweisen. Welcher von beiden zieht stärker – oder strafen die Amerikaner am Ende gar alle Klischees Lügen und entscheiden sich unter politischen Gesichtpunkten? Den Wählern ist alles zuzutrauen. Und das ist auch gut so!

Der Autor ist Chefredakteur der „Atlantic Times“.

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