Meinung : Positionen: Weltmodell Wiedergutmachung

Natan Sznaider

Derzeit findet im südafrikanischen Durban eines der größten "Lovefeste" der Geschichte statt. Anders als in Genua wollen sich Organisationen, die für das Gute kämpfen, bei der UN-Konferenz gegen den Rassismus von ihrer besten Seite zeigen. Von Südafrika, dem ehemaligen Apartheidstaat, soll die Botschaft des Anti-Rassismus ausgehen, der Welt ihre eigene Ungerechtigkeit vor Augen geführt werden. Eine neue globale Vision. Deswegen auch das Motto der Konferenz: "Vereint gegen den Rassismus kämpfen: Gleichheit, Gerechtigkeit, Würde".

Der Traum der Aufklärung soll von Südafrika aus in Erfüllung gehen. Allerdings wird die Konferenz von anderen Themen überschattet. Verschiedene im Vorfeld der Konferenz abgefasste Erklärungen haben eine alte Klamotte hervorgekramt - die von der UN 1975 verabschiedete und 1991 gestrichene Resolution, die den Zionismus mit Rassismus gleichsetzt. So wurde Israel als einziges Land heraus gepickt und in Zusammenhang mit allen möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gerückt, die in den letzten Jahren Furore machten: Ethnische Säuberungen, Völkermord, Besatzung, ja sogar der Terminus Holocaust fehlte nicht. Neben Israel wurden nur noch globale kapitalistische Institutionen wie der IWF und die Weltbank als Bösewichte genannt - da fragt man sich, ob hier ein Satiriker die Auswüchse des Antisemitismus karikieren wollte.

All das ist bedauerlich, auch weil die Verteidiger der israelischen Besatzungspolitik und der damit verbundenen alltäglichen Unterdrückung sich nun hinter dem Antisemitismusvorwurf verschanzen. In einer vom Holocaust geprägten globalen Moralität sind die Versuche, die Konferenz zu einer anti-israelischen Veranstaltung zu machen mehr als dumm: nicht nur aus strategischen, sondern auch aus moralischen Gründen.

Die kosmopolitische Bedeutung der Holocaust-Erinnerung zeigt sich darin, dass sie vielen Opfergruppen erlaubt, sich in den jüdischen Opfern des Holocaust wiederzuerkennen. Damit spielt der Holocaust, beziehungsweise die Gleichsetzung anderer Opfer mit jüdischen Opfern, eine wichtige Rolle für ein Weltbewusstsein in der sich globalisierenden Welt. Der Holocaust soll auf der Durbankonferenz zu einem unter vielen werden. Der Begriff "Schwarzer Holocaust" wird genannt.

Eigentlich geht es in Durban um die Anerkennung, dass die Sklaverei ein Unrecht war. Aber nicht nur Entschuldigungen sind angesagt, sondern auch Wiedergutmachungsleistungen. Wie jüdische Opfer nach dem Holocaust entschädigt wurden, sollen nun auch die Nachfahren der Sklaven Wiedergutmachung erhalten. Das ist viel wichtiger als der dumme Antizionismus.

Heute kann und muss eine Entschuldigung für die Sklaverei erwartet werden. Tony Blair entschuldigte sich bei den Iren für die 150 Jahre zurückliegende Hungersnot, der polnische Präsident tat das Gleiche für das von Polen 1941 an den Juden begangene Massaker in Jedwabne. Auch die US-Amerikaner waren unter Clinton bereit, Reue zu zeigen, aber zur Reue gehört der nächste Schritt: die Wiedergutmachung. Das ist das heiße Eisen von Durban.

Diese Zahlungen sind nicht geldgierigen Anwälten geschuldet - sie gehören gerade heute ins globale Umfeld einer moralischen Revolution. Die Forderung nach materieller Unterstützung, die die Schäden von Sklaverei und Kolonialismus anerkennt und, ein wenig, zu kompensieren sucht, entsprechen einer globalen Moralität. Dazu gehören auch die Parallelen zwischen Juden und Schwarzen. So, wie viele jüdische Gruppen die Geschichte ihrer Leiden im Holocaust in den Vordergrund stellen, gab es innerhalb der schwarzen Gemeinschaft Versuche, die "Middle Passage" (den Transport der schwarzen Sklaven über den Atlantik zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert, in dessen Verlauf Millionen Menschen getötet wurden) und andere Leidensgeschichten den "Schwarzen Holocaust" zu nennen. Der in den letzten Jahren zu beobachtende weltweite Diskurs über "Schuld" und "Vergebung" ist so auch ein Anzeichen für ein neues historisches Bewusstsein, das sich aus den Grenzen des Nationalstaates löst.

Die zunehmende Entstaatlichung und Entortung von kollektiven Identifikationsmustern mündet in der Schaffung neuer "moralischer Interdependenzen". Es bilden sich neue "Schicksalsgemeinschaften", die sich jenseits nationaler Territorien ansiedeln. So entsteht eine Alternative zu in Auflösung befindlichen traditionellen Vergemeinschaftungszusammenhängen. Als Modell dient Deutschlands Schuldanerkennung und seine Bereitschaft, "Wiedergutmachung" zu leisten. Deutschland zahlte nicht an die "Gewinner" des Krieges, sondern - das ist das radikal Neue - an die "Verlierer", an die Opfer. Danach war der Raum offen für andere Opfergruppen, von den Ureinwohnern Australiens, über die in den USA internierten Japaner während des Zweiten Weltkrieges bis zu den Opfern der japanischen Aggression. Eine Liste mit offenem Ende.

Die Katastrophe des Holocaust wird dabei aus ihrem historischen Kontext gelöst und unter globalen Voraussetzungen neu formuliert. Wenn heute Opfer die Schuldanerkennung durch die Täter fordern und diese Schuldanerkennung sich materiell ausdrückt, dann sind der Holocaust und die Wiedergutmachung die Vorlagen, die diesem Phänomen einen Rahmen liefern. Natürlich kann Geld kein Unrecht heilen. Gleichwohl sind wir durchaus noch vorbürgerlichen Haltungen verhaftet, denen zufolge Ehre und Würde keinen Preis haben - ironischerweise gehört dieses Argument zu den ältesten antisemitischen Parolen. Aber Geld ist das einzige Mittel, das Besserung versprechen kann. Vergebung kann damit nicht gekauft werden. Aber die finanzielle Entschädigung macht ehemalige Opfer und Täter zu Vertragspartnern, deren Zukunft anders geregelt wird.

In Durban geht es um viel mehr als die müde "Zionismus ist Rassismus"-Deklaration. Es geht um Afrika, um Entwicklungshilfe und um die Tilgung von Schuld(en) - nicht aus kolonialistischer Großherzigkeit, sondern aus der Schuldanerkennung für begangene Verbrechen. So wie Deutschland Wiedergutmachung zahlte und zahlt. Moral und Politik werden sich in der globalen Welt langsam finden müssen, damit die Weltwirtschaft moralisch wird und die globale Moralität auch ein wirtschaftliches Fundament bekommen kann. Es wäre schade, wenn die Konferenz diese Chance versäumen würde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben