POSITIONEN : Wer Gewalt anwendet, muss herrschen wollen

Ohne imperialistische Landnahme lässt sich Afghanistan nicht befrieden. Und ohne den notwendigen "animus dominandi", den Herrschaftswillen, der Nato kann das Land nicht funktionieren.

Sybille Tönnies

Es war ein erhebendes Bild neulich abends: wie Angela Merkel und Gordon Brown so gleichberechtigt nebeneinanderstanden und ihre Ansichten über das richtige Vorgehen in Afghanistan äußerten – erhebend jedenfalls für mich, die ich unter englischer Besatzung groß geworden bin und daher noch ein Unterlegenheitsgefühl habe. Afghanistan solle so schnell wie möglich die politische Verantwortung selbst übernehmen, sagten die beiden und nickten sich zu.

Dieses Konzept klang allerdings nicht besonders überzeugend, weil unmittelbar vorher gerade berichtet worden war, dass der Ablauf der Wahl in Afghanistan angezweifelt wird. Das Konzept hat nur den einen Vorteil: Es ist politisch korrekt. Es bringt zum Ausdruck, dass die Engländer keine Imperialisten mehr sind – und die Deutschen sowieso nicht. Heute gilt es als politisch korrekt, wenn Großmächte, nachdem sie – von der Luft aus – die innere Struktur eines Landes zerstört haben, dem in Anarchie gefallenen Land zurufen: Wir wollen euch nicht beherrschen! Regiert euch bitte selbst, und zwar demokratisch!

Der alte Imperialismus, der fremde Länder annektierte und dort die politische Verantwortung übernahm, gilt als unmoralisch, obwohl es in den Kolonien früher oft erheblich besser zuging, als es in den ihrer Struktur beraubten Ländern heute zugeht. Aber seine Zwecksetzung war unmoralisch: Die Kolonialmächte waren nicht auf Demokratie und Menschenrechte aus, sondern auf Ausbeutung. Leider lag gerade darin der Vorzug des Imperialismus: Die Absicht, die Kolonien über Generationen hinweg, auszubeuten, bewegte die Kolonialherren dazu, in den eroberten Ländern die volle politische Verantwortung zu übernehmen: eine wirksame Polizei einzurichten, die nicht zuließ, dass sich in den eroberten Gebieten rivalisierende Gruppen bewaffnet gegenüberstanden, ein funktionierendes Schulwesen aufzubauen und die Seuchen und die Kindersterblichkeit zu bekämpfen. Die Eroberung ging mit der (von Carl Schmitt) so genannten „Landnahme“ einher. Würde man sich heute nicht einbilden, man habe es erstmalig mit „failed states“ und „asymmetrischen Kriegen“ zu tun und befände sich in „neuen Kriegen“, sondern wäre sich darüber im Klaren, dass man vor den Problemen aller Eroberer der Weltgeschichte steht, so könnte man sich von alten Erfahrungen belehren lassen. Von Machiavelli über Hobbes bis zu Carl Schmitt haben die Kenner der Materie immer davor gewarnt, Gewalt anzuwenden, ohne den notwendigen „animus dominandi“, den Herrschaftswillen zu besitzen.

Nun gelten die genannten Warner als Bösewichte – Hobbes zu Unrecht, Machiavelli vielleicht und Carl Schmitt bestimmt zu Recht. Unabhängig davon sind ihre Warnungen vor unzureichender Machtausübung ernst zu nehmen. Auch wenn man nicht durch nationalen Egoismus, sondern moralisch motiviert ist, darf man sich von diesen Theoretikern der Macht belehren lassen.

Sie sind keine guten Lehrmeister, wenn es noch um die Frage geht, ob militärische Überfälle vorgenommen werden sollen oder nicht. Aber weder in Afghanistan noch im Irak steht noch zu Debatte, ob diese Länder überfallen und in ihrer inneren Struktur zerstört werden sollen. Da das nun einmal geschehen ist – zu Recht oder Unrecht – ist die Frage: Wie kann es weitergehen? Nachdem die Westmächte diesen Akt der Zerstörung nun einmal vorgenommen haben, ist ihre Botschaft zynisch: „Wir wollen euch nicht beherrschen! Regiert euch bitte selbst, und zwar demokratisch.“

Nachdem Anarchie hergestellt wurde, muss auch der zweite Schritt getan werden: die konsequente Ausübung der dadurch gewonnenen Macht. In meiner Kindheit haben es die Deutschen ihren Besatzern leicht gemacht. Bis heute verführt dieser Erfolg zu der Annahme, man könne ein Land auch ohne imperialistische Landnahme pazifizieren. Aber diese Erfahrungen lassen sich nicht übertragen.

Die Autorin ist Juristin und

unterrichtet an der Uni Potsdam.

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