POSITIONEN : Wir haben keine Angst

Elena Milaschina über Attentate auf Journalisten und Menschenrechtler in Russland. Für die Morde von Moskau ist auch das Regime verantwortlich.

Elena Milaschina
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Foto: AP

Am 19. Januar wurden der Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und Anastassija Baburowa, die als Journalistin für meine Zeitung „Nowaja Gaseta“ arbeitete, im Zentrum Moskaus erschossen. Der Mörder stand hinter ihnen und zielte direkt auf ihre Köpfe. Er hatte keinen Anlass, sich zu fürchten. Denn bisher ist es im Zusammenhang mit politischen Attentaten, die in der Öffentlichkeit begangen worden, noch nie zu einer Verurteilung gekommen.

Stanislaw Markelow war ein außergewöhnlicher Anwalt. Er übernahm aussichtslose und gefährliche Fälle. Er war oft in Tschetschenien und verteidigte dort Menschen, die unter Gewalt und Folter zu leiden hatten. Er war ein Freund unserer Zeitung und unser Rechtsbeistand. Er war verantwortlich für die Zivilprozesse im Zusammenhang mit Anna Politkowskaja und verteidigte die, über die sie schrieb.

Anastassija Baburowa hatte erst seit Oktober für unsere Zeitung gearbeitet. Sie mochte ihre Arbeit sehr und recherchierte über Verbrechen, die von russischen Nazigruppen begangen wurden. Stanislaw und Anastassija waren anständige Bürger, die nicht hinnehmen wollten, was die Mehrheit der Menschen in Russland akzeptiert hat. Für diejenigen, die in Russland die Macht haben, reichte das aus, um ihr Urteil zu fällen.

Jeder Fall hätte zu einer Ermordung Markelows führen können

Die 25 Jahre alte Anastassija war eine romantische Rebellin, eine Anarchistin, die sich zur antifaschistischen Bewegung zählte. In den Augen des Regimes in Russland und der einfachen Leute, die sich aus allem heraushalten wollen, machte sie das zur Außenseiterin. Dabei war es kein Zufall, dass sie sich in der Gesellschaft von Regimekritikern wiederfand – sie hatte sich sehr bewusst für diesen Weg entschieden.

Das Motiv für die Ermordung Markelows kann mit fast jedem seiner Fälle zusammenhängen. Möglich ist zum Beispiel, dass die Vorgesetzten des sogenannten Kadetten, des Polizeibeamten Sergej Lapin aus der abgelegenen Provinz Khanti-Masiysk, hinter dem Attentat vom Montag stecken. Lapin war wegen der Verschleppung, Misshandlung und späteren Ermordung des tschetschenischen Studenten Zelimkhan Murdalow zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Stanislaw Markelow hatte dessen Eltern vor Gericht vertreten. Lapins Vorgesetzte waren ebenfalls an Misshandlungen beteiligt. Vor einigen Jahren wurden deswegen Haftbefehle gegen sie ausgestellt, doch niemand wurde inhaftiert.

Die Anweisung für das Attentat könnte aber auch aus Tschetschenien gekommen sein. Markelow hatte Mut bewiesen und Fälle übernommen, bei denen es um die Geheimgefängnisse von Tsentoria ging. Das ist der Heimatort des Tschetschenenführers Kadyrow. Dort waren Tschetschenen misshandelt und getötet worden.

Die Mörder werden nicht verfolgt

Die Ermordung von Anna Politkowskaja hatte uns bewusst gemacht, dass weitere Leute aus unserem Umfeld – Zeitungsjournalisten, Anwälte, Menschenrechtsaktivisten – bedroht sind. Nach der Ermordung von Anna hatten viele darauf gewartet, dass die Regierung endlich handelt.

Am Montag aber wurde die Liste der Ermordeten um zwei Namen länger. Das ist kein Zufall. Die Botschaft, die das Regime aussendet, ist nicht nur bei uns angekommen. Auch der faschistische Bodensatz Russlands hat die Nachricht deutlich verstanden.

Die Mörder haben keine Angst, weil sie wissen, dass sie nicht verfolgt werden. Aber auch ihre Opfer haben keine Angst. Denn wer andere verteidigt, der hört damit auf, sich zu fürchten. Angst haben vor allem diejenigen, die sich aus allem heraushalten und so versuchen, durch diese schlechten Zeiten zu kommen – auch wenn es manchmal scheint, als würden die schlechten Zeiten nie zu Ende gehen.

Elena Milaschina ist Redakteurin bei der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“. Die ermordete Journalistin Anastassija Baburowa war ihre Kollegin. Der Nachdruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung der „Nowaja Gaseta“.

Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Leber.

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