Positionen : Wozu noch Grün?

Alle Welt will die Welt retten: Die Alternativen streiten - und die Wirtschaft macht gerade ein Geschäftsmodell daraus.

Von Christoph NickSave the planet!“ ist das neue Motto der Konsumwelt geworden. Ob Bio bei Aldi und Lidl, Kinderklamotten oder Automobile: Aus jeder Pore unseres Geschäftsalltags schallt es uns entgegen: „Save the planet!“ So viel Grün war nie. Ökologie ist in.

Der Kampf um das Überleben der Arten, eine saubere Umwelt und ein gemäßigtes Klima wird zur Muttermilch der nachwachsenden Generationen. Man mag das gut oder schlecht finden, hoffnungsvoll oder voll von Heuchelei: Die Wirtschaft macht gerade ein Geschäftsmodell daraus.

Was bedeutet das für die Politik? Sie ändert ihr Koordinatensystem. Angela Merkel ist auf dem besten Wege, zur heiligen Johanna des Klimaschutzes zu werden. Und das nicht etwa nur in Deutschland, sondern in Europa und weltweit. Sigmar Gabriel versucht täglich, den Eindruck zu erwecken, dass er den Atomausstieg mit dem Messer in der Hand verteidigt. Die Liberalen retten jetzt auch die Welt und Oskar sowieso alles und jeden. Bleiben die Grünen. Und die haben ein Problem.

Der schleichende, sich beschleunigende, unberechenbare Klimawandel verändert die Prämissen von Umweltpolitik grundlegend. Das politische Monopol der Grünen auf Umweltschutz ist für immer Vergangenheit. Ihren Hauptgedanken, dass die Ökologie über Sein oder Nichtsein im 21. Jahrhundert entscheiden wird, hat der scharfe Wind des Klimawandels bis in die letzten Winkel dieser Erde und hinein in die größten Holzköpfe getrieben.

Heute brüten ganze Wirtschaftszweige darüber, ob und wie sie den Wandel überleben können. Damit sehen sich die Grünen der größten Herausforderung ihrer Geschichte ausgesetzt: dem unerbittlichen Urteil des Mainstreams über den Nutzen und die Brauchbarkeit ihrer Politik.

Die Grünen waren bisher eine Wohlfühlpartei, gut fürs ökologische Gewissen. Eine grüne Stimme war eine Investition in die Zukunft des Planeten. Gleichzeitig konnte man darauf wetten, dass mit den Grünen zwar alles besser, aber nichts wirklich anders werden würde. Als Wählerschicht mit dem höchsten Durchschnittseinkommen aller Parteien gingen die Wähler der Grünen nach der Wahl weiter ihrem persönlichen Lebensglück nach mit einem CO2-Ausstoß weit über dem Durchschnitt von Otto Normalverbraucher. Mit dieser Idylle ist es vorbei. Wir müssen umsteuern. Die Frage ist nur: Wie?

Entscheidend sei, heißt es bei den Grünen wie bei vielen Wissenschaftlern, die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze bei der planetaren Erwärmung. Geht’s darüber, wartet der Klima-GAU. Ob diese Grenze eingehalten werden kann oder schon alle Prozesse in Gang gekommen sind, die ihre Überschreitung definitiv machen, kann aber niemand seriös vorhersagen. Nicht einmal, ob unterhalb dieser Schwelle eine Klimakatastrophe verhindert werden kann. Derweil steigt der Meeresspiegel schneller an als vorhergesagt.

Wir leben in der Katastrophe. Und wir leben bis jetzt verdammt gut darin. Wir wissen, dass der Klimawandel nicht nur über Meereshöhen, Dürre und Flut mitentscheidet, sondern auch über Krieg und Frieden. Dennoch ist Katastrophismus fehl am Platz. Wer so viel zu verlieren hat wie die westliche Welt im Allgemeinen und die Wähler der Grünen im Besonderen, wünscht sich keine Revolution, sondern einen Wandel mit Augenmaß. Um diesen zu organisieren, werden sich die Menschen Personen suchen, denen sie vertrauen und die ihnen Mut machen können, keine Weltuntergangspropheten und Panikmacher. Die Welt will nicht gerettet, sie will gemanagt werden. Pragmatisch, effizient und erfolgreich.

Die Grünen sind mit ihrer rund dreißigjährigen Erfahrung so etwas wie die elder statesmen der Ökologie. Je cooler, abgeklärter und weiser sie auf den Klimawandel reagieren, desto eher werden ihnen die Wähler ihr Vertrauen schenken. Die grünen Lehr- und Gesellenjahre sind vorbei. Jetzt wird es Zeit für das Meisterstück!

Der Autor ist Mitarbeiter

der deutschen grünen Europaabgeordneten.

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