POSITIONEN : Zehn Gründe …

… warum Israel den Europäern auf die Nerven geht. Dieses problematische Image Israels zu bekämpfen ist eine Herausforderung.

David Harris

Auch auf die Gefahr hin, zu verallgemeinern: Europäer haben ein Problem mit Israel. Als jemand, der Europa häufig bereist, frage ich mich, warum dies so ist, insbesondere im Gegensatz zu den USA, wo die Unterstützung für Israel viel tiefer in der öffentlichen Meinung verwurzelt ist. Hier sind zehn Gründe.

Erstens: Realpolitik. Viele Europäer können den Verlockungen der arabischen Welt nicht widerstehen. Ihre riesigen Märkte, die Energieressourcen und das Gewicht in multinationalen Institutionen übertrumpfen alles, was Israel zu bieten hat. Zudem ist man zunehmend darüber besorgt, die wachsenden muslimischen Gemeinden in Europa zu entfremden.

Zweitens: Antiamerikanismus. Zwar hat sich in einigen Regierungen ein Wandel in der Haltung gegenüber Washington vollzogen, doch in der öffentlichen Meinung lautet die gängige Logik: Wir mögen Amerika (oder George Bush) nicht. Amerika unterstützt Israel. Daher mögen wir Israel nicht.

Drittens: koloniale Schuld. Europäer waren die weltweit führenden Kolonialmächte. Zur Wiedergutmachung übertragen sie ihr Mitgefühl auf die Palästinenser als „kolonisiertes Volk“, während Israel als moderne „Kolonialmacht“ gilt.

Viertens: der Holocaust. Um der unerträglichen Last zu entkommen, schreiben einige Europäer Israel Attribute des „Dritten Reichs“ zu, ganz gleich wie absurd der Gedanke erscheint. So wird argumentiert, dass Juden in Machtpositionen „nicht besser“ seien als Nazis und ihnen daher moralische Forderungen gegenüber Europa nicht unbegrenzt zustünden.

Fünftens: Postnationalismus. Europas Selbstbild basiert auf einer postnationalen Gesellschaft, in der Grenzen zunehmend verschwinden und eine neue regionale Identität entstanden ist. Israel wird als Bastion des Nationalismus und somit als Artefakt aus einer früheren Zeit betrachtet.

Sechstens: Säkularismus. Europa wähnt sich in einer postreligiösen Ära, in der Religion nicht mehr die öffentliche Sphäre beherrscht. Mit seinem Selbstbild als jüdischer Staat wird Israel als veraltet angesehen.

Siebtens: Soft Power. Aufgrund ihrer eigenen kriegerischen Geschichte haben sich Europäer nach 1945 bei der Lösung von Konflikten vorzugsweise für den Dialog entschieden. Viele ihrer Streitkräfte besitzen ein begrenztes Leistungsvermögen. Israel, das scheinbar nur auf Hard Power setzt, wird kritisiert. Das Problem ist, dass Israel nicht zwischen Schweden und Finnland, sondern zwischen Syrien und dem hamasdominierten Gazastreifen liegt.

Achtens: Menschenrechtsgesetze. Europäer kritisieren, dass Israel das seit 1945 bestehende Völkerrecht nicht respektiert – leichter gesagt als getan im Nahen Osten, wo Israels Überleben in der Schwebe ist und es keine einfache Bekämpfung eines Feindes gibt, der sich hinter Zivilisten versteckt und Selbstmordattentate nutzt.

Neuntens: Extremismus. Oft wird die Präsenz links- und rechtsextremistischer Parteien in der europäischen Politik übersehen. Politisch weit rechts stehende Parteien verachten Juden und den jüdischen Staat, während weit links stehende Parteien Israel kritisch durch eine „imperialistische“ Linse sehen. Insbesondere die extreme Linke besitzt in akademischen und gewerkschaftlichen Kreisen einigen Einfluss.

Zehntens: die Medien. Man muss nicht paranoid sein, um die fehlende Objektivität in der Berichterstattung zu arabisch-israelischen Themen zu erkennen (siehe zum Beispiel „Israel in the European Media: A Case Study, 2000-1“ unter www.ajc.org). Betrachten Sie etwa, wie schnell viele Medien bereit waren, unwahre Beschuldigungen über israelisches Verhalten im angeblichen Massaker von Dschenin zu verbreiten.

Das problematische Image Israels unter Europäern zu bekämpfen ist eine Herausforderung. Man benötigt kulturelle Sensibilität, ein diplomatisches Ohr und auch Hartnäckigkeit. Europa ist entscheidend für Israels Zukunft, und ich möchte gerne glauben, dass Israel genauso wichtig für Europa ist.

Der Autor ist Direktor des American Jewish Committee.

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