Meinung : Potter, Ringe & Co: Hunger nach Fantasie

Als erste haben die Schriftsteller aufgegeben. Das passierte im Laufe des 20. Jahrhunderts. Die Schriftsteller sagten: Die Welt ist uns zu kompliziert geworden. Wir können sie nicht mehr überblicken, wir können sie euch nicht mehr erklären. Wir können nur noch Momentaufnahmen liefern. Bruchstücke.

Dann gaben die Politiker auf. Die großen Welterklärungsmodelle waren mehr oder weniger gescheitert. Folglich betrachteten sich die meisten Politiker mehr oder weniger als Pragmatiker. Pragmatismus ist das Programm der Programmlosen.

Als einer der letzten hat der berühmteste deutsche Kritiker aufgegeben. Marcel Reich-Ranicki verkündet seit Jahren: Es ist nicht mehr möglich, einen großen deutschen Zeitroman von, sagen wir, mehr als 500 Seiten zu schreiben. Die Bücher, die es trotzdem versuchen, sind alle schlecht. Aber das Publikum! Das Publikum hört nicht auf, sich nach der Großen Erzählung zu sehnen, der Geschichte, die alles restlos erklärt, das Gute und das Böse, den Anfang und das Ende. Nach Geschichten, wie sie in den heiligen Büchern der Weltreligionen erzählt werden. Nach dem Epos.

Der Triumph von Harry Potter und der absehbare Triumph des "Herrn der Ringe" im Kino ist vor allem der Triumph einer bestimmten Art von Literatur. Denn diese Filme sind vor allem deshalb so aufwendig und so erfolgreich, weil es vorher die in aller Welt erfolgreichen Bücher gegeben hat. Die Regisseure waren verpflichtet, sich möglichst eng an die Buchstaben der heiligen Bücher zu halten, in beiden Fällen misstrauisch bewacht von einer riesigen Fangemeinde.

Wenn es tatsächlich nicht mehr möglich ist, über unsere Welt in der Form des Epos zu erzählen, dann muss eben jemand eine neue Welt erfinden. Eine Fantasy-Welt, mit Zauberern, Elfen und Gnomen, klaren Helden und klaren Schurken, eine Welt mit Regeln, die jedes Kind verstehen kann. Am Anfang steht immer eine Art Schöpfung, am Ende kommt die Erlösung von dem Übel. Die Autoren, die solche Welten erschaffen, sind im literarischen Betrieb Außenseiter. Sie gelten bei den meisten Experten als naiv, trivial und altmodisch. Sie passen sich dem literarischen Zeitgeist nicht an, der an sich selbst zweifelt, und treffen damit genau das Bedürfnis von Millionen Lesern.

Dieses Bedürfnis aber entzieht sich der Kritik, wie Hunger oder Durst. Es hat Recht, weil es da ist.

Fantasy zeigt einen Ausweg aus dem Ohnmachtsgefühl, das sich durch unseren Alltag zieht. Die Natur ist einerseits in den letzten hundert Jahren beherrschbarer geworden, wir verstehen sie immer besser. Wir? Es sind nur eine Handvoll Spezialisten, die einen winzigen Teilbereich im Griff haben. Wer kapiert noch, wie die Maschinen funktionieren, mit denen wir täglich umgehen? Wissen wir wirklich, wie unser Essen oder unsere Möbel entstanden sind? Wer begreift die Politik und ihre halb verborgenen Manöver? Wenn die Gattung als Ganze klüger wird, kommt der Einzelne sich immer dümmer vor.

Die letzten Deutschen, die sich an der epischen Form versucht haben, hießen Peter Weiss und Uwe Johnson. Ihre Werke sind viel gelobt worden, aber sie haben das Volk nicht satt gemacht. Populär wurden die "Jahrestage" nicht einmal als Fernsehfilm. Heute verlangt man von der Literatur gern, dass sie den "Zeitgeist" trifft. Reicht das? Das Volk wird auch davon nicht satt. Den Zeitgeist von heute hat man morgen vergessen. Aber schon bald wird "Star Wars, Episode 2" auf uns zurollen, das nächste große Epos. Fast alle werden es sehen wollen.

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