Präsidentenwahlen in der Türkei : Zeit für Demut

Abdullah Gül sollte auf das Präsidentenamt verzichten - um so die Beziehung zwischen dem fromm-konservativen Lager und dem der Kemalisten zu verbessern.

Abdullah Gül ist ein überzeugter Europäer und einer der besten Außenminister, den die Türkei je hatte – aber er sollte nicht darauf bestehen, jetzt Staatspräsident zu werden. Die Eignung des 56-Jährigen für das höchste Staatsamt steht zwar außer Frage und wird auch nicht dadurch beeinträchtigt, dass Güls Ehefrau ein Kopftuch trägt. Trotzdem sollte Gül auf das Präsidentenamt verzichten. Und zwar, weil dieser Verzicht ein Schritt hin zur Versöhnung zwischen seinem eigenen fromm- konservativen Lager und den Kemalisten wäre. Wenn Gül jetzt seine Kandidatur weiter vorantreibt, ist das dagegen ein Schritt in die falsche Richtung. Der beeindruckend klare Wahlsieg erlegt der AK-Partei von Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auch eine gewachsene Verantwortung auf. Sie sollte nach den heftigen Grabenkämpfen der vergangenen Monaten alles tun, um ihre Gegner davon zu überzeugen, dass sie von den angeblichen „Islamisten“ nichts zu befürchten haben. Ein Weg wäre eine Zusammenarbeit in der emotional aufgeladenen Präsidentenfrage. Noch haben Gül und Erdogan Zeit, eine neue Konfrontation mit den Kemalisten und vor allem mit der Armee zu vermeiden. Eine solche Konfrontation könnte die Türkei um Jahre zurückwerfen. Und das wäre sicher auch nicht im Sinne der Erdogan-Wähler. güs

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