Präsidentschaftswahl in Ägypten : Sisi, ein Idol ohne Anhänger

In Ägypten ist Wahl und keiner geht hin. Wurde der Ex-Militär Sisi noch vor wenigen Wochen kultisch verehrt, verweigern ihm nun die Wähler ihre Stimme. Das sieht zunächst nach politischem Frust aussieht - doch dahinter steckt mehr.

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Nicht mehr als Folklore? Pro-Sisi-Anhänger mit Masken des Ex-Generals
Nicht mehr als Folklore? Pro-Sisi-Anhänger mit Masken des Ex-GeneralsFoto: AFP

Ägyptische Blogger teilen auf Twitter amüsiert ein Foto. Es zeigt Wahlhelfer zweier Wahllokale, die friedlich ein Nickerchen halten. Sie können es sich erlauben: Seit drei Tagen wird das ägyptische Volk dazu aufgerufen, seinen neuen Präsidenten zu wählen, seit drei Tagen ist das Interesse eher bescheiden.

Ursprünglich sollte die Präsidentschaftswahl in Ägypten am Montag und Dienstag stattfinden - und hätte den zuletzt kultisch verehrten Ex-Feldmarschall Abdal Fattah as-Sisi ins Amt heben sollen. Mittlerweile ist die Wahl auf Mittwoch um einen dritten Tag verlängert worden. Und auch die Übergangsregierung um Präsident Adli Mansur - die Sisi Schützenhilfe leistet - tut vieles, um den Ägyptern die Stimmabgabe schmackhaft zu machen: mit Lautsprechern fuhren sie durch Kairo, mit Banderolen warben sie für den Urnengang, gar ein offizieller nationaler Feiertag wurde für Dienstag ausgerufen.

Wahrscheinlich kam nur jeder zehnte Ägypter zur Wahl

Dennoch blieb der Ansturm aus. Unabhängige Quellen sprechen von weniger als zehn Prozent Wahlbeteiligung am ersten Tag, die Übergangsregierung ließ immerhin etwas mehr als 30 Prozent verlauten. Egal, welche Zahl stimmt - beide beweisen, wie vermeintlich desillusioniert die Ägypter im dritten Jahr nach dem Sturz Husni Mubaraks geworden sind.

Sitzen bleiben: Ein Graffiti wirbt hinten für "Sisi als Präsident", vorne blubbern Kairener lieber eine Shisha
Sitzen bleiben: Ein Graffiti wirbt hinten für "Sisi als Präsident", vorne blubbern Kairener lieber eine ShishaFoto: Marc Röhlig

Als sie den Langzeitregierenden im Februar 2011 mit Energie geladenen Massenproteste zum Rücktritt zwangen, konnten viele Ägypter ihre eigene Macht kaum begreifen. Viele junge Menschen im Land kannten nur Mubarak als Staatsoberhaupt, die Erzählungen ihrer Eltern waren auch nur wenig differenzierter. Erstmals nach Jahrzehnten spürten die Ägypter nun, was politische Mitbestimmung heißt, was Volksmacht bedeutet. Vor allem jene, die diesen revolutionären Geist noch in Erinnerung haben, fühlten sich durch den plötzlichen Auftritt des Militärmanns Sisi eingeschüchtert.

Sisi wollte sich durch die Wählerstimmen krönen lassen

Sisi kam aus dem Nichts: Als oberster Befehlshaber der ägyptischen Armee wischte er im Juni den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den Muslimbruder Muhammad Mursi, fort und etablierte eine neue Übergangsregierung. Vom politischen Niemand wurde er rasch zur Antwort auf alles. Terroristenbekämpfer für jene, die in den Muslimbrüder eine Gefahr für die religiöse Toleranz des Landes sahen; guter Muslim für jene, die sich einen reaktionären Staat zurückwünschen; zugleich Heilsbringer für alle, die endlich ein Ende der wirtschaftlich desolaten Post-Revolutionszeit wollen. Quasi-religiöse Jubelrufe aus der Presse und harte Exekutionsurteile gegen Muslimbrüder tauchten Ägypten binnen Kurzem in eine Art Sisi-Kult. Selbst ein Allheilmittel gegen das HI-Virus wollen die ägyptischen Streitkräfte unter Sisis Führung plötzlich entdeckt haben.

Mit der nun stattfindenden Präsidentschaftswahl wollte Sisi dem Kult um seine Person eine Grundlage geben: eine in millionenfache Wählerstimmen gegossene Krönung. Selbst Sisi-Kritiker sahen den Mann schon im obersten Staatsamt, seinem einzigen Herausforderer, dem linken Juristen Hamdin Sabahi, sprach niemand ernsthafte Chancen zu. Eine hohe Quote für Sisi hätte zuletzt auch den Putsch an Mursi legitimiert. 23 Millionen Ägypter seien damals auf die Straße gegangen, ließ das Militär verlauten - heute sind es nun keine 20 Millionen mehr, die für den ehemaligen Befehlshaber zur Urne gehen wollen.

Die schwache Wahlbeteiligung ist ein stiller, demokratischer Protest

Was nun auf den ersten Blick nach Wahlverdruss der Ägypter aussieht, zeugt tatsächlich von der politischen Reife der Menschen am Nil. Die Kinder der Revolution hatten sich schon von der großen Sisi-Show abgewendet. Und die mittlerweile verfolgten und für Terroristen erklärten Muslimbrüder hatten zum Boykott der Wahl aufgerufen. Sisis Putschregierung selbst hatte sich auf Bombenanschläge und Protestmobs eingestellt. Stattdessen kommt: keiner.

Es ist jener stille Protest, der zeigt, wie clever die Ägypter nach Mubarak demokratische Tugenden einsetzen. Sisi mag die Straßen Kairos mit Plakaten verhängen und die Staatssender mögen das Land mit Liebesbotschaften überschwemmen - wo kein Volk, da keine Vereinnahmung. Diese Ruhe nach dem Sturm, sie könnte eine Ruhe vor dem nächsten sein.

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