Presse : Kamera im Schlüsselloch

Der „Stern“ schießt auf die „Bunte“: Wenn aus Klatsch Spitzelei wird.

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Wollen wir den perfekten Politiker? Natürlich nicht. Der gesunde Menschenverstand weiß, dass die Heuchelei triumphiert, wo Unfehlbarkeit behauptet wird. Lesen wir gern Geschichten über den ehebrechenden Minister? Klar. Wer liebt ihn nicht, den Klatsch. So ist der Mensch, in seinem Widerspruch.

Zu einer Heuchelei, neben der die alte bürgerliche Doppelmoral des bordellbesuchenden Familienvaters verblasst, hat sich „Bunte“-Chefin Patricia Riekel aufgeschwungen. Ihr Blatt steht schwer unter Beschuss; der „Stern“ liefert gerade weitere Enthüllungen in Sachen Politikerbespitzelung. Es wird sich erweisen, was daran wahr oder unwahr ist. Unabhängig davon geht die „Bunte“ dem Bedürfnis nach Klatsch in einer Weise nach, die vom Berufskodex der Presse nicht gedeckt ist. Riekel rechtfertigt ihre Praxis: Zu den „Aufgaben der Presse“ gehöre auch „die Aufdeckung von Diskrepanzen zwischen dem gewünschten Image eines Politikers und seinem tatsächlichen Verhalten“.

Klingt bestechend. Wer wollte ihnen nicht die Maske vom Gesicht reißen, den Selbstdarstellern, die uns mit geschickten Inszenierungen ködern wollen? Und es ist doch ein dreister Bluff, denn Riekels Vorwärtsverteidigung dient zu allererst ihrem eigenen Geschäftsmodell. Wenn sie ihm die höheren Weihen der Pressefreiheit verleiht, spricht daraus die blanke mediale Doppelmoral.

Die „Bunte“-Chefin hat früh ihr Auge auf Politiker geworfen. Deutschland, so ihre Erkenntnis, leidet an einem Defizit von A-Promis aus der Unterhaltungsbranche, deren Ehebrüche, Drogenexzesse, Krisen und Zickenkriege das Publikumsbedürfnis nach opulentem Klatsch füttern könnten. Weil eine Paris Hilton fehlt, hat „Bunte“ systematisch begonnen, den „menschlichen“ Politiker zu inszenieren. Im Rahmen des vom Pressekodex Erlaubten. Wie bei den Stars und Starlets waren die Politikergeschichten ein Geschäft auf Gegenseitigkeit – für „Bunte“ die besseren Verkaufszahlen, für die Promis Aufmerksamkeit und für die Politiker unter ihnen manchmal das „gewünschte Image“.

Dass Inszenierungen dieser Art Risiken und Nebenwirkungen haben können, erlebte zuerst Rudolf Scharping. Keine Paparazzi-Fotos, betonte Riekel damals noch stolz, als der Verteidigungsminister am Pool mit der neuen Freundin turtelte. Die „Bunte“ macht Quote; Scharping aber stürzte, als der „Stern“ den Beratungshintergrund der bereitwilligen Neuinszenierung des drögen Rudolf aufdeckte.

Wenn Politiker daraus nicht lernen, persönliche Selbstdarstellungen zu dosieren – ihr Risiko. Zur Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit aber wird es, wenn Medien auf eine Grenzverschiebung, die sie im Eigeninteresse selbst geschaffen haben, die völlige Entgrenzung folgen lassen. Nicht erst die Methoden, schon Riekels Auftrag, nach der Politiker-Geliebten zu forschen, degradiert den politischen Journalismus. Sie erklärt das Privatleben des Politikers zum Regelfall des öffentlichen Interesses. Das aber lässt der Kodex nur „im Einzelfall“ zu, aus gutem Grund.

„Sex sells“, das stimmt als Verkaufsregel. Wenn Medien sich dieser ökonomischen Logik völlig unterwerfen, verraten sie ihren demokratischen Zweck. Die „Neue“ findet sich allemal leichter, als ein Machtmissbrauch aufzudecken ist.

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