Privatfernsehen : Fernsehen statt Glotze

Der Plan von ProSieben Sat1, zum Pay-TV zu werden, ist auch eine Chance: Jeder schaut dann nur noch, wofür er sich entschieden hat.

Joachim Huber

W as für ein gigantischer Markt. In 97 Prozent der deutschen Haushalte stehen ein oder mehrere Fernsehgeräte. Pro Tag sitzt jeder Deutsche ab 14 Jahren rund 220 Minuten vor dem Bildschirm. Und weil Fernsehen ein Grundnahrungsmittel ist, will der Medienkonzern Pro SiebenSat1 über die Werbeeinnahmen hinaus davon profitieren. Der Empfang von Programmen wie Sat1 oder ProSieben soll kostenpflichtig werden. Mehrere Modelle sind denkbar: Wie beim bislang einzigen Abo-Sender Sky werden Monatsgebühren fällig (Pay-TV); der Kunde ruft Programme oder einzelne Sendungen gegen Bezahlung ab (video-on-demand); die kommerziellen Sender bekommen, wie von ProSieben Sat 1 in die Diskussion gebracht, einen Anteil an den Rundfunkgebühren für ARD, ZDF und Deutschlandradio.

Alle vorgeschlagenen Modelle münden in eine Kehrtwende: Ende des Gratis-Fernsehens in Deutschland, Start des Pay-TV für alle. Das klingt hartleibig, sozial ungerecht, brutal. Die heutige Fernseh-Realität ist aber genau das. Für ARD und ZDF werden monatlich Zwangsgebühren von 17,98 Euro fällig. Die Akzeptanz sinkt, die Schwarzseherquote steigt, allein die Frage, ob Fernsehen via Computer die volle TV-Gebühr verlangt, beschäftigt die Gerichte seit Jahren. Das alte Gebührenmodell, das die Gebührenpflicht an das Bereithalten eines Empfangsgerätes koppelt, ist im Zeitalter hybrider Alleskönner-Geräte ein überkommener Witz. Anders als der Printkäufer am Kiosk hat der Fernsehkunde kaum Wahlmöglichkeiten. Im Schnitt rauschen 75 Kanäle in einen Haushalt, sechs, sieben werden genutzt, der Rest sind tote Nummern auf der Fernbedienung.

Pay-TV heißt individuelle Auswahl, schlechterdings: Jeder zahlt nur das, was er sehen will. Und dass beim scharfen Wettbewerb der Sender die Entgelte in den Himmel schießen, wer fürchtet das wirklich?

Ein Fernsehzuschauer, der für Information und Unterhaltung, Aufklärung und Amüsement nach Ansage bezahlt, der geht anders damit um. Er ist über den Endverbrauch hinaus Kunde, er hat sich bewusst entschieden. Aus der Qual der Auswahl wird die Auswahl der Qual, immerhin.

Die Fernsehnutzung in Deutschland ähnlich der Printnutzung zu organisieren, wäre ein Akt doppelter Respektsbezeugung, würde eine anonyme Massenbeziehung in viele individuelle Kontakte auflösen. Der Produzent und der Konsument wären einander mehr wert, so sie sich übers Produkt nicht gefunden haben, so haben sie sich wenigstens gesucht.

Es ist an der Zeit, den Fernsehempfang auf eine neue, selbstbewusstere Ebene zu heben. Das müsste den Umgang mit allen elektronischen Medien beeinflussen, die grassierende Mitnahmequalität speziell im Online-Bereich verändern. Werden Fernsehprogramme, die kosten, genutzt und gern genutzt, dürfen auch Inhalte des Internets kosten. Sollte dabei nicht schon Qualität abgefragt werden, so sollte doch die Individualität herausgefordert werden. Masse ist gratis, Masse ist doof, Masse kann jeder. Fernsehen statt Glotze, Internet statt Datenmüll!

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