Meinung : "Pro 15:30": Sinn gegen Geld

Stefan Reinecke

Seit ein paar Wochen macht die Bewegung "Pro 15:30" von sich reden. Sie rekrutiert sich aus Fußballfans, die gegen die Zersplitterung des Bundesligaspieltages protestieren. Sie wollen, dass die Bundesliga wird, wie sie früher war: mit möglichst vielen Spielen Sonnabend um 15 Uhr 30.

Mit den Privatsendern sind die Preise für die Übertragungsrechte von Fußballspielen explodiert. Wer die Rechte für viel Geld gekauft hat, will damit möglichst viel verdienen. Deshalb findet die Bundesliga nicht mehr nur am Samstagnachmittag statt, sondern erstreckt sich über drei Tage. So kann man Freitagabend zwei Spielzusammenfassung im TV sehen (mit Werbeunterbrechung), ein paar Spielzusammenfassungen in "ran" am Samstag (mit ganz vielen Werbeblöcken), das Samstagabendspiel im ZDF und zwei Spiele am Sonntag (mit Werbung). Dazu kommen noch die Spiele im Pay-TV.

Das stört manche Fans, die sich Urlaub nehmen müssen, wenn sie sonntags zum Auswärtsspiel ihrer Clubs reisen. Und es stört auch viele Fans vor dem Fernseher, die keine Lust haben, am Freitagabend, zwei Mal Samstags und am Sonntag TV (mit ganz viel Werbung) schauen zu müssen, um zu sehen, was sie früher in einem haben konnten: nämlich am frühen Samstagabend.

Kann es uns nicht egal sein, wann ein Spiel angepfiffen wird? Ist das Thema überhaupt wichtig? Ist es - und zwar sogar für Leute, die Bill Shanklys berühmten Satz "Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, Fußball ist viel ernster" komplett rätselhaft finden. Der Kampf um "15:30" ist das Symptom eines kulturellen Umbruchs, vielleicht sogar ein Indiz, wo künftig gesellschaftliche Konflikte verlaufen.

"Pro 15:30" hat sich an einer konkreten, vielleicht gar nicht mal so zentralen Frage entzündet. Die Popularität der Bewegung wurzelt viel tiefer: im Unbehagen an der ganzen "ran"-Kultur. Der unterhaltungs-industrielle Komplex produziert immer mehr, immer speziellere Sendeformate, kein Marktsegment bleibt unerkannt. Früher versammelte sich samstagabends die Familie vor der TV-Show, heute gibt es Shows für jedes Alter, jedes Interesse, zu jeder Sendezeit. Der Protest gilt auch diesem "Immer mehr", der Doktrin, dass die massenmediale Ware immer vielfältiger, unübersichtlicher und parzellierter wird.

Jungsträume von Ernst Huberty

Die Kritiker von "Pro 15:30" stellen die Bewegung unter generellen Nostalgie-Verdacht. "Bundesliga um halbvier" - das ist in dieser Lesart ein sentimentaler Jungstraum von der guten, alten Zeit, von damals, als Papa samstagsmittags den Ford Granada wusch und Ernst Huberty abends um sechs die "Sportschau" moderierte.

Diese Kritik ist gar nicht falsch - aber sie erklärt nichts. Denn Fußball (ein wundersames Ereignis, das immer gleich und immer wieder anders ist) ist ohne Tradition, ohne Mythologien und Legenden gar nichts - sondern nur: ein manchmal ziemlich langweiliges Spiel. Doch für Sentimentalitäten, gar für so irrationale Figuren wie Fans, ist im Medien-Business kein Platz vorgesehen. Auch die Manager der Fußball-AGs reden kühl von Kunden, nicht von Fans. Sinn ist, im Fußball-Business, kein Marktsegment.

Aus diesen schon lange schwärenden Widersprüchen ist "Pro15:30 gewachsen. Der Aufstand der Fans richtet sich gegen die totale Ausrichtung der Liga aufs Fernsehen. Er verteidigt das Wirkliche gegen die Mediatisierung, Tradition gegen grenzenlose Vermarktung - oder ganz plakativ: Bedeutung gegen Geld.

Und die Bewegung ist ein Krisenzeichen. In den 90ern verliefen die Kommerzialisierungsschübe geradezu verdächtig reibungslos. Immer mehr guckten immer mehr Fußball im TV - und gleichzeitig gingen auch immer mehr ins Stadion. Seit ein paar Jahren ist das anders. Die Stadien leeren sich, "ran" (die Sendung, die den Unterschied zwischen Programm und Werbung gen Null getrieben hat) verliert Zuschauer. Ökonomisch gesprochen droht eine Rezession - das Überangebot an verstreutem, werbeunterbrochenen TV-Fußball vernichtet langsam aber stetig die Nachfrage. Schon deshalb kann Kirch "Pro 15:30" nicht ignorieren.

"Pro 15:30" ist zudem eine moderne Bewegung. Nicht nur, weil sich der Protest spontan und via Internet organisiert hat. Die Arbeit (und die Gewerkschaft) verliert im postmodernen Kapitalismus an Bedeutung. Konsum, Freizeit und der unterhaltungs-industrielle Komplex werden wichtiger. Auf diesem Terrain werden künftig mehr Kämpfe ausgetragen: Konflikte um Anerkennung - zum Beispiel von Fans, die quer zum Vermarktungsinteresse stehen. Auf diesem Feld geht es weniger, wie im Arbeitskampf, um Geld als um Zeitressourcen: zum Beispiel darum, wann ein Fußballspiel angepfiffen wird. "Pro 15:30" ist da so etwas wie eine - nostalgisches Wort - Avantgarde.

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