Pro ''Pro Reli'' : Für beides muss es einen Platz geben

Soll Religion in Berlin Wahlpflichtfach werden? Gerd Appenzeller erinnert an das Bedürfnis von Neu-Berlinern und engagierten Eltern, Religion auch in der Schule stattfinden zu lassen.

Gerd Appenzeller

Vor der Wende gab es im Osten Berlins eine katholische und keine evangelische Schule. Im Westen der Stadt konnten Eltern ihre Kinder auf vier evangelische und 18 katholische Schulen schicken. Heute gibt es in der vereinten Stadt 31 christlich-konfessionelle Schulen, also acht  mehr. Die meisten Neugründungen liegen auf dem Gebiet der früheren Hauptstadt der DDR. Das überrascht nicht, denn christliche Schulen passten nicht in das Bildungsverständnis des kommunistischen Staates.

Es gab also ein Nachholbedürfnis. In 40 Jahren SED- Herrschaft war die kirchliche Präsenz zwar weitgehend ausgerottet worden, aber die Hoheit über die Gedanken konnte eben auch die Stasi nicht erringen. Überraschenderweise hat aber auch der demokratisch gewählte Rot-rote Senat offenbar ein Problem mit dem Erstarken der konfessionellen Schulen. Er mag sie nicht und verteidigt eine Berliner Tradition der Schule ohne Religion als Wahlpflichtfach, die sich im Kern auf Bestrebungen der russischen Besatzungsmacht stützt.

Diese Schulpolitik ist selbstverständlich rechtens, aber sie harmoniert nicht mit den Bildungsvorstellungen vieler Eltern in allen übrigen Bundesländern mit Ausnahme Bremens, wo eine der Berliner Regelung vergleichbare Lösung existiert.

Nun hat sich aber nach dem Fall der Mauer noch etwas anderes geändert. Das hat der Senat offenbar weder begriffen noch erkannt. Es sind hunderttausende von Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik hierher gekommen. Viele von ihnen, gerade unter den Eltern, finden sich mit der staatlichen Verdrängung des Religionsunterrichtes nicht ab. Diese Neubürger sind nicht etwa besonders fromm. In den Bundesländern, aus denen sie zuzogen, wären sie nie auf die Idee gekommen, ihre Kinder anders als in einer staatlichen Schule unterrichten zu lassen. Aber sie wollen nicht klaglos hinnehmen, dass es Berliner Politik ist, die prägenden Wirkungen der Kirchen auf die abendländische Zivilisation und Kultur für lästigen Krimskrams zu halten, der in der Schule nichts zu suchen hat. Sie möchten, dass Religion in der Schule stattfindet und dass Tugenden wie Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz auch als gelebtes Vorbild und nicht nur als Lehrstoff präsent sein sollen. Es sind besonders engagierte Eltern, um die es hier geht. Es wäre im Interesse der Stadt und der Gemeinschaft, wenn sie sich in ein staatliches Schulsystem einbringen könnten.

Wer Religionsunterricht durch Ethik ersetzt, will Theorie statt Praxis. Auch dafür muss es einen Platz geben, aber eben für beides. Der Senat glaubt offenbar, Religion erschöpfe sich in unmündigem Hände falten und sei deshalb überflüssig. Er liefert so den Beweis dafür, wohin Vorurteile führen – in Unwissenheit und Arroganz.

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