• Pro & Contra: Dürfen sich Politiker zum Narren machen? Wenn sie den Mut dazu haben, sagt Robert Birnbaum

Meinung : Pro & Contra: Dürfen sich Politiker zum Narren machen? Wenn sie den Mut dazu haben, sagt Robert Birnbaum

Traut sich das einer von euch Politikern da oben? Einen alten Schlips umbinden, die Jungs vom Bundeskriminalamt als Cowboys verkleiden, damit das Schießeisen nicht so auffällt, selber eine Pappnase aufsetzen und dann ab auf den Kölner Altermarkt, 11 Uhr 11, mitten rein in die Weiberfastnacht, Narr unter Narren? "He, Sie, wo haben Sie die tolle Joschka-Fischer-Maske her!" - "Ich BIN Joschka Fischer. Kölle alaaf!" Unvorstellbar?

Unvorstellbar. Selbst die Kölner würden dem kuriosen Typen nachsichtig zum dummen Scherz gratulieren, ihm ein Kölsch spendieren und den Schlips abschneiden. Allerdings würden sie, wenn hinterher rauskommt, dass der Fischer der echte Joschka war, ihn zum Ehrenbürger ernennen. Anderswo brauchte der Mann sich nicht mehr blicken zu lassen. Wer sich zum Narren macht, hat nichts zu lachen im Lande Teutonien. Besonders, wenn er ein Häuptling ist. Häuptlinge gehören seit alters in Bronze gegossen auf steinerne Sockel. Da steigt keiner ungestraft ab!

Aber das ist das Vertrackte am Karneval - dem richtigen, dem auf der Straße und in den Kneipen -, dass er an den Sockeln wackelt. Nicht im Ernst, ist ja nur Spaß, wenn die Sekretärin den Chef entschlipst. Morgen wird sie wieder Sekretärin sein und er Chef. Aber heute spielen beide mit der Möglichkeit, dass es das Schicksal immerhin anders hätte einrichten können. Er steigt ein bisschen von oben herab, sie reckt sich ein bisschen auf Zehenspitzen. Auch rote Ampeln gelten an diesen Tagen nur bedingt.

Das verstehen sie in Preußen nicht. Weil hier Autofahrer nicht hupen, um vor Gefahr zu warnen, sondern weil es die Straßenverkehrsordnung bedauerlicherweise nicht zulässt, die Verkehrsverbrecher in all den anderen Wagen anderweitig standrechtlich zu maßregeln. Wir sind alle kleine Sünderlein? Singt hier kein Schwein.

Die da oben in der Politik verstehen aber sehr wohl. Darum ist ihnen im Karneval unbehaglich. Als bei einem der Berliner Häuptlinge die Einladung eintraf, als Gast der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst beizuwohnen, haben sie in seinem Büro palavert, ob das denn das Angemessene für ihn wäre, so mit bunter Fliege um den Hals. Dabei ist jener Orden doch schon der Versuch, das Narrentum häuptlingstauglich zu machen. Da stehen sie wie gewohnt oben auf dem Podium und achten tierisch darauf, dass sie sich bloß nicht lächerlich machen.

Nur der kleine Norbert Blüm hat sich auf die Schippe nehmen lassen. Der kennt wahrscheinlich den "Narrenspiegel" des Sebastian Brant - eine satirische Predigt anno 1494 wider die Eitelkeiten und Selbstsüchte der Welt. Kein gutes Haar lässt der Doktor beider Rechte zu Basel an der Narretei, inklusive der faßnächtlichen. Mit einer Ausnahme: "Wer sich selbst als Narr eracht, der ist zum Weisen bald gemacht."

Bloß: Wollt ihr denn weise sein, ihr Häuptlinge? Ihr müsstet ja zugeben, dass ihr nicht immer der große Zampano seid, als der ihr euch ganzjährig verkleidet. Dass es vielleicht sogar ein wenig lächerlich sein könnte, alles Trachten darauf zu richten, dass die Enkel dereinst auf den Opa in Bronze herumklettern können. Das wollt ihr nicht zugeben? Schade für euch. Kommt lieber nicht zum Karneval. Lasst ihn uns. Und keine Sorge, Preußen und Teutonen: Wir lassen den Dom in Kölle. (Denn da gehört er hin).

Falls doch jemand Mut fasst: Der Karneval ist bis Dienstag durchgehend geöffnet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben