Pro und Contra : Soll Sterbehilfe erlaubt werden?

Der Berliner Arzt und Vizechef der Organisation Dignitas, Uwe-Christian Arnold, hat zugegeben, Hilfe zum Suizid geleistet zu haben. Soll passive Sterbehilfe erlaubt werden? Zwei Appelle - einer fürs Sterben lassen einer fürs Leben lassen.

Wolfgang Prosinger,Sebastian Bickerich

PRO - Sterben lassen

Leben um jeden Preis ist ein Plädoyer für die Grausamkeit



Von Wolfgang Prosinger



Es ist ein Thema, das tief geht. In jene Regionen, in denen das Unbewusste siedelt, in denen Ängste und Dunkelheit zu Hause sind. Und es rührt an Fundamente: an religiöse Überzeugungen, an aufklärerische Gewissheiten. Weshalb die Emotionen hochsteigen, wann immer einer die Frage stellt: Dürfen Menschen anderen Menschen zum Sterben helfen? Nicht beim Sterben, sondern zum.

Der Diskurs darüber ist alt, viele hundert Jahre alt. Die Frage ist also keine leichte Frage, und die forsch-liberale Antwort „selbstverständlich“ greift zu kurz. Sterbehilfe darf nicht leicht gemacht werden, weil sonst Dämme brechen können, weil sonst Missbrauch entsteht.

Aber möglich gemacht werden sollte sie dennoch. Aus Gründen der Menschlichkeit und der Barmherzigkeit. Es darf nicht sein, dass sich der Einsatz und das Plädoyer für das Leben zum Plädoyer für die Grausamkeit verkehrt: dass Qualen für Todkranke verlängert werden, dass Menschen gegen ihren Willen mit schmerzhaften lebensverlängernden Maßnahmen malträtiert werden, dass Körperverletzung geschieht unter dem Anschein der medizinischen Fürsorge. Leben um jeden Preis – das kann sehr hartherzig sein.

Auch Ärzte werden umdenken müssen. Sie seien für das Leben zuständig, nicht für den Tod, sagen manche von ihnen. Hilfe zum Sterben widerspreche fundamental ihrem Berufsbild. Schon wahr, aber ließe sich dieses Berufsbild nicht auch ein wenig anders und ebenso würdig definieren? Der Arzt als Helfer, der Leiden lindert. In allen Lebenslagen. Auch in den letzten. Die Palliativmedizin tut das. Aber auch sie kann an ihre Grenzen geraten. Was dann?

Das Modell, das der Verein Dignitas in der Schweiz anbietet, ist das Sinnvollste, was es im Moment in dieser Notlage gibt. Es geht dabei nicht um aktive Sterbehilfe (bei der der Arzt die tödliche Spritze setzt), sondern um den sogenannten assistierten Suizid. Die Statuten des Vereins sprechen eine klare Sprache: Hilfe gibt es nur bei Menschen mit unheilbarer Krankheit und nur bei jenen, die in völliger geistiger Klarheit ihren Sterbewunsch äußern. Die Hilfe zum Suizid findet unter ärztlicher Kontrolle statt. Das sind humane Prinzipien, sie sollten auch in Deutschland möglich gemacht werden.

Natürlich gibt es Vorbehalte: Das System könnte Lücken haben, könnte nicht gefeit sein gegen Missbrauch und Fehler. Das ist nicht auszuschließen, das kann vorkommen, genauso wie es beim Lebensschutz um jeden Preis vorkommt. Denn es geht um Menschen und um Menschen an ihren Grenzen. Ein Aufrechnen hilft da nicht. Dafür ist das Thema zu ernst.

Es geht um eine Grundfrage unserer Existenz: Wer bestimmt über uns? Wir selbst oder andere? Wer sagt, was wir sollen? Die Kirche, die Politik, die Partei? Das Selbstbestimmungsrecht ist eines der höchsten Güter (nur das Verantwortungsgebot für die anderen steht noch höher). Es ist zu schützen – auch gegen die paternalistische Ethik der fürsorglichen Bevormundung. Die Menschen in allen Teilen der Welt haben für dieses Recht zahllose Kämpfe ausgefochten. Dass keine Herren über sie bestimmten. Nicht im Leben. Nicht im Sterben.

CONTRA - Leben lassen

Was Selbstbestimmung genannt wird, mach in Wahrheit erpressbar

Von Sebastian Bickerich

Für Rut de Winter war es die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Seit Jahren litt die Holländerin an einem weit fortgeschrittenen, schmerzhaften Krebsleiden. Selbstbestimmt Schluss machen können – unter ärztlicher Aufsicht, als Hilfe zur Selbsthilfe – das klang verheißungsvoll.

De Winter hatte auch Zweifel. Was, wenn es medizinische Fortschritte geben sollte, die ihr ein Weiterleben in Würde ermöglichen? Was, wenn eine Schmerztherapie ihr helfen würde, weitgehend ohne Qualen weiterzuleben – und zu sterben? Die Zweifel blieben ein Gedankenspiel. Die Schmerzen waren nun einmal da. Und gab es in ihrer Heimat, den Niederlanden, nicht eine gesetzliche Regelung, die Sterbehilfe ermöglicht? Schließlich war es doch ihr Wille, meistens jedenfalls, schließlich war sie doch der Familie eine Last – der überforderten Schwiegertochter, dem Sohn. Und war es so nicht einfacher für alle Beteiligten?

Die große Mehrheit der Ärzte in Deutschland lehnt passive Sterbehilfe ab – aus guten Gründen. Natürlich, lässt sich entgegnen, sie haben ja auch ihren Eid auf das Leben geleistet. Oder: Sie wollen sich in die Entscheidung über Leben und Tod nicht reinreden lassen. Beides mag eine Rolle spielen.

Es gibt aber einen ganz einfachen Satz eines Arztes, der tiefere Beweggründe für die Zweifel auf den Punkt bringt: „Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet.“

Der Kern jeder Debatte um die Sterbehilfe ist die Frage der Selbstbestimmung. „Niemand hat das Recht, Menschen vorzuschreiben, wie und wann sie sterben wollen oder nicht“ – das ist auf den ersten Blick ein sehr naheliegendes Argument. Doch wer entscheidet wirklich über das Sterben – im hohen Alter, bei starken Schmerzen, unter dem Eindruck einer vorübergehenden Verschlechterung des Gesundheitszustands? Wer definiert, was „unheilbar“ bedeutet?

Was die Selbstbestimmung des Menschen zu stärken scheint, kann ihn in Wahrheit erpressbar machen. Eine holländische Studie kam zum Ergebnis, dass es jährlich mehrere hundert Fälle gibt, in denen „lebensbeendende Handlungen ohne ausdrücklichen Wunsch“ des Getöteten vorgenommen worden sind. Kürzlich wurde ein Psychiater freigesprochen, der einer Frau, die verzweifelt, aber nicht krank war, beim Suizid geholfen hatte. Ein Kriminologe berichtete über den Fall eines Mannes, der seinen Arzt „aus familiären Gründen“ bat, ihn umzubringen. Der Arzt hatte keine Bedenken. Obwohl er wusste, dass die Frau den Kranken, weil sie ihn nicht mehr pflegen wollte, vor die Wahl gestellt hatte, entweder ins Pflegeheim zu gehen oder sich umbringen zu lassen.

Vor allem junge Menschen leben in der Angst, sie könnten in ihrer letzten Lebensphase an einen seelenlosen Apparat angeschlossen werden, der sie zu einem bloßen Objekt herabwürdigt. Todgeweihte dagegen, die von qualifizierten Schmerztherapeuten betreut werden, reklamieren viel seltener für sich das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Sie haben erfahren, dass es Alternativen gibt.

Rut de Winter, die einen anderen Namen trägt, war das nicht vergönnt. Ihr Leben wurde beendet, als sie sich nicht mehr entscheiden konnte. Ihr Bett wurde gebraucht. Es war einfacher für alle Beteiligten.

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