Meinung : Proleten und Poeten

Gegen alle Theorie: Gerade weil Fußball langweilig sein kann, ist er so lebensnah und faszinierend

Peter von Becker

Noch immer steigt das Fieber, und wir wissen, dass kein Arzt auf Erden diese wunderbare Leidenschaft für den Fußball je heilen wird. Fans und Fanatiker kennen ja viele Sportarten, selbst Kricket oder Eisstockschießen. Aber Fußball – das heißt etwas anderes. Dieser Kick ist der ultimative Kick. Ob Passion oder Profession: Fußball ist etwas zwischen Alltag und Feiertag, zwischen Kult und Kultur, das ein paar Milliarden Menschen jeglicher Herkunft in gleicher Weise fasziniert. Was aber entfacht diesen universellen, längst auch Frauen ergreifenden Sog? Das mag sich sogar der fußballuninteressierte Teil der Menschheit in diesen Wochen der WM-Begeisterung fragen. Denn diese Begeisterung ist unvergleichlich und wächst, trotz Klagen über die Kommerzialisierung, trotz allem Fifapo.

Warum also Fußball? Diese Grundfrage hat der größte Philosoph auf dem Feld, hat Sepp Herberger („Das nächste Spiel ist immer das schwerste“) nie gestellt. Weil er Fußball an sich für eine Selbstverständlichkeit hielt. Je mehr der einstige Männer-Volkssport zum Weltphänomen wurde, hat er auch die elfmalklugen Analysten angezogen. Die älteste Theorie ist dabei die, dass Fußball ein sublimierender Ersatz für bewaffnete Auseinandersetzungen sei. Was für ein Quatsch! Fußball hat keine Kriege und keine Gewaltherrscher verhindert, auch wenn sich Gewalt bisweilen auf den Rängen oder im Foulspiel austobt.

Der Denker Klaus Theweleit nennt den Fußball dagegen ein „Realitätsmodell“. Was aber heißt das? Weil Fußball zur Realität gehört, kann er gewiss ein Modell sein für alles, was sonst noch rund oder eckig, grün oder mehrbeinig ist. Der spanische Schriftsteller Javier Marías, ein Fußball-Aficionado, sieht den Schlüssel zum Fan im emotionalen „Wiedereintauchen in die Kindheit“. Mag sein. Doch auf diesen Tauchertraum baut Sigmund Freud auch Kunst, Sex und die ganze Psychoanalyse. Nein, weil Fußball nur Fußball ist, muss die komplizierte Antwort ein bisschen einfacher sein.

Die Wahrheit liegt wohl im Tor. Jenseits der dünnen magischen Grenze zwischen zwei Pfosten. Es geht, immer wieder, um diese Grenzüberschreitung. Allerdings fallen beim Fußball relativ wenig Tore, im Unterschied zum Handball oder der Vielzahl von Treffern beim Basketball und den Punkten beim Tennis. US-Amerikaner, zumindest die Männer, machen sich deshalb nicht so viel aus dem vermeintlich ereignisarmen Fußball. Sie sind als überwiegende Fußballverächter die Ausnahme – von einer Kultur des schnellen, zählbaren Erfolgs geprägt.

Für alle anderen liegt die Faszination des Spiels gerade darin, dass Tore trotz aller Athletik und Artistik, trotz aller taktischen Raffinessen so selten sind. Und fast nie vorhersehbar. Wie beim Boxen auf den jähen Knockout warten wir jedes Mal neu auf die Explosion von Genie und Wahnsinn: auf eine Körpertäuschung und den ersehnten „tödlichen“ Pass, auf den Kopfstoß, den Schuss ins Netz. Hier waltet eine besondere Ökonomie und Dramaturgie der Lust: viel Sehnen, Begierde, auch Langeweile. Wie bei Tschechow und Hitchcock, wie beim Krimi vor der Tat. Doch dann: der schöne oder schreckliche Schock, der Triumph der Plötzlichkeit. Ein Tor der richtigen Mannschaft, das ist Geburtstag, Verliebtheit, Gehaltserhöhung – alles im selben Augenblick. Keine Dichtung. Aber verdichtetes Leben. Darin gleicht der Fußball tatsächlich einem Stück Kunst. Er ist das große Glücksspiel. Für Proleten und Poeten, für Straßenkicker wie Stadiongötter.

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