Meinung : Prostitution: Mit Liebe zur Sozialversicherung

Elisabeth Binder

Das Geschäft mit der Liebe gilt als ältestes Gewerbe der Welt. Allerdings ist es als solches nie anerkannt worden. Keine Ware war je Gegenstand so erfolgreicher Verdrängungskunst wie der käufliche Sex. Er wurde abgeschoben in Grauzonen mit Rotlicht. Die Gesetzgeber verschlossen ihre Augen vor der Existenz von Prostituierten. Da ihr Geschäft als sittenwidrig gilt, steht ihnen keinerlei Unterstützung zu: keine Krankenversicherung, keine Arbeitslosenhilfe, keine Rentenversicherung. Nur ihre Steuern wurden gern genommen.

Unter der rot-grünen Regierung bahnt sich nun nach Jahrhunderten eine kleine Kulturrevolution an. Der Lohn der Sexarbeiterinnen soll einklagbar, ihre Tätigkeit als Beruf anerkannt, der Zugang zur Sozialversicherung ermöglicht werden.

Man kann nicht gerade sagen, dass die Initiative verfrüht kommt. Einer fanatisch religiösen Gesellschaft könnte man das Ignorieren der Tatsache, dass Sex auch Ware sein kann, durchgehen lassen. Eine Gesellschaft aber, die es toleriert, dass geltungssüchtige Existenzen ihre gesammelten Perversionen im Privatfernsehen ausbreiten, sollte ihre Augen nicht verschließen vor der Not von über 200 000 Frauen, die das Gesetz bislang wie Aussätzige behandelt.

Eine Frau, die sich aus welchen Gründen auch immer dazu entschließt, ihren Körper zu Markte zu tragen, würde durch die rechtliche Besserstellung nicht automatisch noch Gefahr laufen, Opfer skrupelloser Krimineller zu werden, die sich als Zuhälter dieses gesellschaftliche Brachland zur Mehrung des eigenen Reichtums zunutze machen. Das Thema Prostitution hat die Politik zu lange ausgespart, wahrscheinlich weil es als unappetitlich gilt, und Wählerstimmen kann man damit auch gewinnen. Dabei ist die Auseinandersetzung mit einer Tätigkeit, deren Existenz man bedauern, die man deshalb aber nicht aus der Welt schaffen kann, ein mutiger Vorstoß.

SPD-Befürchtungen, die Anerkennung als Beruf könne Prostituierte vom Ausstieg abhalten, sind gut gemeint, aber auch ein bisschen blauäugig. Vertragliche Zwänge sind im Zweifel immer noch zivilisierter als solche, die im rechtsfreien Raum mit Gewalt durchgesetzt werden. Außerdem sieht der Entwurf ja Zusätze vor, die einen schnellen Ausstieg ermöglichen. Hauptsache, die Enttabuisierung des Sexuellen tut endlich auch im Gesetzbuch etwas Gutes.

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