Protektionismus droht : Diese Krise hat keine Grenze

Schützen die USA ihre Wall Street, retten wir unsere Autoindustrie. Stützt Frankreich Renault, helfen wir Opel. Verdrängt wird dabei, dass sich die Globalisierung nicht abschaffen lässt.

Henrik Mortsiefer

Barack Obama hat den ersten Krieg seiner Amtszeit verhindert. Statt mit Europa und Asien in einen Handelskonflikt zu ziehen, lässt der US-Präsident die Welt an seinem Milliarden-Dollar-Hilfspaket für die amerikanische Wirtschaft teilhaben. Bei künftigen Investitionen in Straßen, Brücken und Gebäude sollen nicht nur US-Firmen profitieren. Die Klausel „Buy american – Kauft amerikanisch!“ wurde welthandelskompatibel entschärft. Auch deutsche Unternehmen können sich Hoffnung machen, Aufträge aus Amerika zu bekommen. Die neue US-Regierung hat dem Freihandel einen Gefallen getan. Sie widerstand der Versuchung, in Zeiten der Krise Patriotismus und Protektionismus zu verwechseln.

In Europa ist man noch nicht so weit. Hier ist mit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise eine Kakophonie nationaler Hilferufe und -maßnahmen entstanden. Jüngstes Beispiel: Frankreich. Präsident Sarkozy gab diese Woche seinen heimischen Autobauern Renault und Peugeot-Citroën einen zinsgünstigen Milliardenkredit – verbunden mit der Aufforderung, Werke und Jobs in Frankreich zu erhalten. Ein bisschen Protektionismus, erklärte die Regierung in Paris, sei in diesen Zeiten „ein notwendiges Übel“. Stunden später trat Sarkozy als Verfechter des Freihandels mit Angela Merkel auf.

Bei Frankreichs Nachbarn und in Brüssel provoziert die laxe Sichtweise verständlichen Ärger. Doch die Empörung des EU-Ratspräsidenten und der Kanzlerin ist zu laut geraten. Denn Sarkozy treibt nur auf die Spitze, was auch in anderen EU-Ländern in Mode kommt. Wie soll man sonst die unkoordinierten Abwrackprämien verstehen? Oder die in der CO2-basierten Kfz-Steuer versteckten Kaufanreize für deutsche Premiummarken? Dabei ist die Hinwendung der Regierungen zu ihren Industrien nachvollziehbar. Wenn die Ursachen der Misere undurchsichtiger und die möglichen Konsequenzen bedrohlicher werden, ist die Reaktion menschlich: Tür zu! Schotten dicht! Wir kümmern uns zuerst um uns.

Und tatsächlich haben die Erdbeben in der Finanz- und Bankenwelt nationale Hilfseinsätze erfordert. Die Regierungen haben so den Kollaps ihrer Finanzsysteme abgewendet – und damit eine globale Kettenreaktion. Obwohl „systemrelevante“ Banken gerettet wurden, traf die Krise die Realwirtschaft mit voller Wucht. Inzwischen ist deshalb ein Wettlauf um das Prädikat „systemrelevant“ entbrannt. Nach den Banken hat die Autoindustrie es schon bekommen. Wer folgt? Der Maschinenbau? Die Medien?

Der Beauty-Contest ist gefährlich, weil jedes Land seinen eigenen veranstaltet: Schützen die USA ihre Wall Street, retten wir unsere Autoindustrie. Stützt Frankreich Renault, helfen wir Opel. Verdrängt wird dabei, dass sich die Globalisierung nicht abschaffen lässt. Wenn 75 Prozent aller in Deutschland produzierten Autos exportiert werden, braucht die Industrie mit 750 000 Mitarbeitern Kunden jenseits der Grenze. Und wenn 20 Prozent der Teile eines Peugeot aus Deutschland stammen, sind die Franzosen von deutschen Lieferanten abhängig.

Protektionismus schneidet nicht nur Märkte und Verbraucher voneinander ab. Wer Banken nach dieser Krise noch schont, gibt ihnen Freibriefe für neue Eskapaden. Wer Autokonzerne von gestern bevorzugt, schirmt sie ab vom Wettbewerb um das Auto der Zukunft. Das Konjunkturprogramm solle helfen, „unsere Wirtschaft wieder auf den richtigen Weg zu bringen“, sagt Obama. Im nächsten Aufschwung wird sich zeigen, ob die Hilfe bei den Richtigen angekommen ist.

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