Protestantismus : Die Reform pensioniert ihren Vater

Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, leitet den Abschied vom Amt ein: Er hat dem Protestantismus wieder ein Gesicht, ein Herz und eine Zukunft gegeben

Gerd Appenzeller

Im Jahre 2017 jährt sich zum 500. Mal die Geburtsstunde des Protestantismus. Die evangelischen Christen bereiten sich auf dieses Jubiläum vor. Weniger mit der Ausarbeitung von Festschriften und dem Grübeln über geeignete Festtagsrituale als durch Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Letztlich dient dem auch die „Zukunftswerkstatt“ der EKD, der Evangelischen Kirche Deutschlands, die gerade in Kassel tagt.

Geistiger Anreger dieser Werkstatt ist Bischof Wolfgang Huber, der scheidende Ratsvorsitzende der EKD. 2006, drei Jahre nach seiner Wahl in das höchste Amt des deutschen Protestantismus, hatte er das Papier „Kirche der Freiheit“ vorgelegt. Es war ein typisches Huber-Papier, weil der Initiator in der ihm eigenen Direktheit nicht nur die geistigen und spirituellen Defizite der evangelischen Kirchen ansprach, sondern auch organisatorische Konsequenzen aus der demografischen Entwicklung und der zurückgehenden Zahl der Kirchenmitglieder forderte. Das war genau jene unverschnörkelte Herangehensweise, die ihn schon bald nach seiner Wahl zum Bischof von Berlin-Brandenburg im Jahre 1993 ausgezeichnet hatte. Da setzte er straffere Strukturen durch, stellte überkommene Organisationsformen infrage und machte gegen deutlichen Protest seine Landeskirche schlechtwettertauglich für eine Zeit zurückgehender Kirchensteuereinnahmen. Berlins Katholiken gingen diesen Weg erst später, dafür waren die Einschnitte dann umso schmerzhafter.

Wolfgang Hubers bleibendes Verdienst um den deutschen Protestantismus liegt aber erst in zweiter oder dritter Linie in seinem klaren Blick für ökonomische Notwendigkeiten. Er hat, das ist entscheidend, diesem Protestantismus wieder ein Gesicht, ein Herz und eine Zukunft gegeben. Am Anfang mag ihm seine intellektuelle Brillanz oft im Wege gestanden haben. Die Glieder der Amtskirche sind so wenig uneitel wie andere Führungseliten. Aber bevor sie einen oder eine der ihren aufsteigen lassen, fordern sie Demut ein. Diese nicht gebührend gezeigt zu haben, verhinderte vermutlich schon 1997 seine Wahl zum Ratsvorsitzenden. Damals unterlag er dem jovialen rheinischen Präses Manfred Kock. In den ablaufenden sechs Amtsjahren von Huber als EKD-Ratsvorsitzenden mag mancher in den Leitungsgremien seiner Kirche sich gefragt haben, wie viel weiter die evangelische Kirche wohl gekommen wäre, hätte sie Huber das Amt schon früher anvertraut.

Dass die evangelischen Christen Deutschlands in der Ökumene wieder eigenes Profil entwickelt haben, dass es eine Annäherung an die Evangelikalen gibt, dass die Bedeutung des Gottesdienstes und der Predigt wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten, dass junge Familien in ungeahntem Ausmaß „ihre“ Kirche wieder entdeckt und für sich in Besitz genommen haben – das alles wäre vielleicht auch ohne Huber irgendwie etwas vorangekommen. Aber dass es so weit gediehen ist, darf er sich als Ergebnis seines rastlosen Eintretens gutschreiben.

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