Proteste gegen Veränderung in Berlin : Es ist nur eine olle Brache!

Schöneberger Anwohner erklären eine Baulücke mit drei Bäumen zur grünen Oase und protestieren gegen Neubauten. Aktionen wie diese lähmen Berlin: Eigeninteressen werden zum Gemeinwohl erklärt – Fortschritt hat keine Chance.

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Anwohner blockieren am Dienstagmorgen die Zufahrt zur Crellestraße.
Anwohner blockieren am Dienstagmorgen die Zufahrt zur Crellestraße.Foto: Anke Myrrhe

Der Schöneberger Wutbürger lebt in der Crellestraße. Sein Kampf: drei Linden gegen einen Neubau schützen. Eine Baulücke soll mit einem Wohnhaus geschlossen werden, dafür sollen die Bäume weichen. Also haben sich Menschen dort mobilisiert, machen Mahnwachen und geben sich wild entschlossen, die Flora zu verteidigen. Das tun sie auch auf Transparenten kund, die sie mit „Ein Kiez gegen ...“ beschriften und in die Yorckstraße hängen. Dass der Kiez wirklich einhellig hinter den Linden steht, wage ich zu bezweifeln.

Wir Berliner wissen, dass wir Neubauten brauchen. Dringend. Wie viele unserer Bekannten schieben den Umzug vor sich her, weil sie nichts Passendes oder Bezahlbares finden? Jetzt sagen die Crelle-Bürger, ja, Neubau finden wir schon gut, aber halt nicht bei uns. Das ist ein Ausbremsen notwendiger Entwicklungen zugunsten eigener Bedürfnisse. Jeder, der möchte, kann sich davon überzeugen, dass die Baulücke in der Crellestraße bislang eine typische Berliner Schmuddelecke gewesen ist. Schön ist anders. Und unter den Menschen, die Wohnungen im besagten Neubau kaufen wollen, finden sich Schöneberger aus dem Kiez, die in der Gegend bleiben wollen. Gentrifizierung ist das nicht.

In Wahrheit geht es doch gar nicht um die Linden. Diese Stadt ist sehr grün. Fragen Sie mal Besucher aus Paris, London oder New York, wie die Berlin im Vergleich zu ihrer Metropole finden. An Bäumen mangelt es uns wahrlich nicht. Gerade sind zum Beispiel in einigen Metern Entfernung im Gleisdreieck-Park wieder neue Bäume gepflanzt worden. Letztlich geht es doch darum, das einigen Bewohnern der Crellestraße jetzt der Blick verbaut wird. Das ist sicher ärgerlich, aber das kommt in der Stadt schon mal vor. Und nein, ich schreibe diesen Text nicht mit Blick auf den Vorgarten meiner Grunewalder Villa, daheim können mir die Nachbarn aus acht Metern Entfernung ins Wohnzimmer schauen. Fehlenden Ausblick aus den eigenen vier Wänden heraus nehmen viele unter uns in Kauf. Das hat uns nicht davon abgehalten, in die Metropole zu ziehen. Und als Alternative gibt es ja den Speckgürtel.

Vielleicht sollten wir uns einmal darauf besinnen, warum wir entschieden haben, in Berlin zu leben. Was diese Stadt ausmacht, sind ihre einzigartigen Möglichkeiten. Berlin ist gelebte Veränderung, gelebter Fortschritt. Folgerichtig eilt dem Berliner der Ruf voraus, weltoffen und aufgeschlossen zu sein. Wenn wir uns und dieser Stadt diesen Ruf erhalten wollen, sollten wir ihn mit aller Konsequenz leben. Das bedeutet manchmal auch, zugunsten der Allgemeinheit persönlich Kompromisse einzugehen. Wir wollen nicht mehr abends eine Stunde lang einen Parkplatz in Wohnortnähe suchen? Wir können unser eigenes Auto verkaufen und auf eines der Carsharing-Modelle umsteigen, die in Berlin erprobt werden. Wir wollen mehr alternative Energie nutzen? Dann müssen wir in Kauf nehmen, dass beispielsweise auf dem Nachbardach ein kleines Windrad dreht und lärmt.

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Windräder, Solarfarmen und Biogasanlagen müssen schließlich irgendwo in Deutschland stehen, wenn wir den aus ihnen gewonnenen Strom nutzen wollen. Flugzeuge müssen irgendwo starten und landen, wenn wir schnell in den Urlaub oder zur Dienstbesprechung fliegen wollen. Ware muss wohnortnah gelagert werden, wenn wir sie binnen 24 Stunden erhalten wollen. Und das ist bei einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland vermutlich immer bei jemandem vor der Tür. Die Alternative wäre nichts bewegen, nichts bauen, nichts verändern. Und das ist nicht zukunftsfähig. 

Constance Frey.
Constance Frey.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Womit wir wieder bei der Crellestraße wären. Berlin ist mit zig Baulücken gesegnet, kann man aus heutiger Sicht nur sagen, die uns jetzt eine Chance auf mehr Wohnraum innerhalb des Berliner Stadtrings geben. Solche Bauprojekte in Schöneberg und anderswo in der Stadt zu akzeptieren, ist ein demokratischer Akt. Die Gemeinschaft als Ganzes profitiert davon und zwar auf Jahrzehnte. Wenn wir uns gegen Veränderung stemmen, wird diese Stadt irgendwann auch wirtschaftlich nicht mehr wachsen. Das kann nicht in unserem Interesse sein.

Bei einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland ist immer irgendwas bei irgendwem vor der Tür.

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