Meinung : Provokation im Schafspelz

Die Ehrung des Dolly-Schöpfers ist politisch gemeint

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Alexander S. Kekulé Wieder einmal steht die Verleihung des PaulEhrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preises in der Kritik. Am Sonntag wurde der wichtigste deutsche Medizinpreis an den Dolly-Schöpfer Ian Wilmut verliehen. Der berühmt-berüchtigte Vater des Klonschafs Dolly hat das Kopieren erwachsener Säugetiere, das „reproduktive“ Klonen, erfunden und patentiert.

Mit Menschen macht er das natürlich nicht. Jedoch will er wenige Tage alte Embryonen opfern, um durch „therapeutisches“ Klonen schwere Krankheiten zu heilen – was in Deutschland verboten ist.

Die Jury, der elf höchst renommierte Wissenschaftler angehören, davon sechs aus dem Ausland, hat schon bei früheren Entscheidungen Mut zur Provokation bewiesen: Als sie im Jahre 1999 den amerikanischen Aidsforscher Robert Gallo ehrte, musste sie in einer reichlich gewundenen Begründung klarstellen, warum Gallo den Preis gerade nicht für die Entdeckung des Aidsvirus bekam – obwohl Gallo sich selbst lautstark der Entdeckung des HI-Virus gerühmt hatte, den aber der Franzose Luc Montaigner zuerst gefunden hatte.

Auch die Würdigung von Craig Venter vor drei Jahren erzeugte mächtig Gegenwind aus der Forscherwelt. Wie damals bereits bekannt war, hatte Venter die erfolgreiche Entschlüsselung des menschlichen Erbguts durch seine Firma „Celera“ zu voreilig verkündet: Die Gensequenz war noch unvollständig, zudem hatte Venter die im Internet publizierten Daten des konkurrierenden Humangenomprojekts einfach mitverwendet. Wieder ruderte die Jury des Paul-Ehrlich-Preises vorsichtig zurück: Venter habe den Preis ja auch für die – unbestrittene – Genanalyse anderer Organismen bekommen, zum Beispiel von Mikroben.

Das ist in diesem Jahr nicht nötig: Wissenschaftlich gesehen gehört Wilmuts Klonexperiment von 1997 zu den größten Leistungen des vergangenen Jahrhunderts. Dass er den Nobelpreis bisher nicht bekommen hat, liegt wohl hauptsächlich an ethischen Bedenken. Davon abgesehen gibt es zahlreiche andere würdige Kandidaten – die biomedizinische Forschung bringt derzeit eine bahnbrechende Entdeckung nach der anderen hervor.

Beide Argumente gelten, sozusagen im Kleinen, auch für den Paul- Ehrlich-Preis. Die Entscheidung der Jury, der auch ehemalige Mitglieder des Nobelkomitees angehören, eine deutsche Auszeichnung ausgerechnet an den Klonforscher zu vergeben, ist deshalb in erster Linie ein politisches Signal – in Dollys Schafspelz ist eine handfeste Kritik an der deutschen Biopolitik verpackt.

Unter den führenden Industrienationen bewegt sich Deutschland derzeit in eine Außenseiterrolle. Vergangene Woche stützte die Bundesrepublik in der Vollversammlung der Vereinten Nationen die mit knapper Mehrheit beschlossene Ächtung aller Formen des Klonens. Damit stellte sich Deutschland hinter das Totalverbot, das von Honduras eingebracht und vor allem von katholisch geprägten Nationen, von Italien und auch den USA unterstützt worden war – gegen das Totalverbot hatten sich Frankreich, Großbritannien, Spanien, die skandinavischen und die Benelux-Länder, Kanada und Japan ausgesprochen.

In den USA ist das „therapeutische“ Klonen aber fast überall erlaubt und boomt wie selten zuvor – Präsident George W. Bush steht mit seiner Ablehnung im Inland weitgehend isoliert da.

Dass die Deutschen so ein grundlegend anderes ethisches Empfinden hätten oder besonders katholisch wären, kann jedoch nicht ernsthaft vermutet werden – schließlich wird die Zerstörung von Embryonen durch künstliche Befruchtung, Spirale und Abtreibung alltäglich hingenommen. Die Frage, wie die Würde des Menschen am besten zu schützen ist – selektive Erlaubnis des therapeutischen Klonens oder Totalverbot – muss dringend weiter diskutiert werden. Ein bisschen Provokation konnte da nicht schaden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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