Meinung : Prozess: Es beginnt mit einer Lüge

Christoph von Marschall

Was mag in den Filmautoren vorgehen, die dem Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic unversehens als Kronzeugen der Verteidigung dienen? Und was in all den vielen, die solchen "kritischen Journalismus" bisher für eine Stärke des Westens hielten?

Aber ist das so - dass Slobodan Milosevic eine Stärke der Demokratie zur Waffe gegen den Rechtsstaat umfunktioniert hat? Nein, er hat sich eine Schwäche der Mediendemokratie zunutze gemacht: Ungeduld, kurzes Gedächtnis und ihr Drang, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen, bis sie in die knappen TV-Formate fassen. Wenn dann noch Sensationslust hinzukommt, entstehen Filme wie "Es begann mit einer Lüge": Das Massaker von Racak am 16. Januar 1999 war angeblich der Auslöser für die Nato-Intervention im Kosovo; weil es nach der (anfechtbaren) Recherche jedoch kein Massaker gegeben hat, fehlte dem Krieg die Rechtfertigung.

Das ist falsch. Wobei es gar nicht um die Streitfragen geht, was für Leichen damals in Racak gefilmt wurden, wie viele Zivilisten oder Untergrundkämpfer darunter waren und wer sie getötet hat. Sondern: Die Behauptung, dass Racak entscheidend für den Kosovo-Krieg war, ist eine unzulässige Verkürzung. Die Nato hat sich nicht auf Racak als Rechtfertigung berufen. Für die Bundesregierung war Racak nur ein Hilfsargument unter vielen. Es waren Medien, die die emotionale Wirkung eines (mutmaßlichen) Massakers erkannten und den Kriegsgrund häufig auf Racak verkürzten. Das Fernsehen braucht Symbolbilder und überhöht sie.

Die wahren Gründe für die Nato-Intervention wiegen schwerer und reichen weiter zurück. Bereits ein Jahr, bevor die ersten Bomben im März 1999 fielen, waren Zehntausende, wahrscheinlich Hunderttausende Albaner im Kosovo auf der Flucht vor Milosevics Sondertruppen. Im Herbst 1998 stellte die Nato dem Diktator ein Ultimatum. Er machte Zusagen, um die Intervention abzuwenden, hielt sie aber nicht ein. Bei den Verhandlungen in Rambouillet ließ Milosevic seine Gesandten lavieren - und gleichzeitig im Kosovo Dörfer niederbrennen, Zivilisten töten und vertreiben. Ganz ohne Racak war die Nato-Intervention überfällig.

Deshalb wird "Es begann mit einer Lüge" Milosevic wenig helfen. Weil für das Kriegsverbrechertribunal die vielen anderen Opfer sehr wohl zählen, auch wenn sie im verkürzten Blick des Fernsehens keinen Platz haben.

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