Meinung : Psst – im Kleiderschrank

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Von Deidre Berger

WO IST GOTT?

Ich bin im Glauben aufgewachsen, Gott sieht alles, was ich tue, weil er im Schrank meines Zimmers schlief. Dass Gott zumindest gelegentlich bei uns vorbeischaute wurde an jedem PessachFest bewiesen, wenn er seinen Propheten Elias aussandte, um am Weinglas zu nippen, das an unserer Pessach-Tafel für ihn bereitstand. Ich war einigermaßen überzeugt, dass das Glas weniger voll war, nachdem wir die Haustür für Elias geöffnet hatten. Ich wusste, dass Gott noch für Millionen anderer Menschen verantwortlich war, war aber überzeugt, dass er sich für mich besonders interessierte. Diese Überzeugung speiste sich aus der Bibel wie auch der modernen jüdischen Literatur, wo die Beziehung zu Gott oft eine sehr persönliche Angelegenheit war. Beispiele dafür finden sich in den wundervollen Geschichten Scholem Alejchems über das Leben der verarmten Juden Russlands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wenn Alejchems Tewje, ein einfacher Milchmann, mit Gott sprechen konnte, dann konnte ich das auch.

Als ich begann, während der langen Schabbatgottesdienste die Bibel zu lesen, überraschte mich, dass Gott nicht nur allgegenwärtig und gutmütig war, sondern zuweilen auch launisch. Gottes Existenz in Zweifel zu ziehen war also nichts, womit sich ein Kind beschäftigen sollte. Zur Sicherheit begann ich mit zehn an Jom Kippur zu fasten – zwei Jahre vor dem vorgeschriebenen Alter. Ich wollte Gott beweisen, dass ich seine Aufforderung zur Sühne ernst nahm – wenn ich auch nicht glaubte, gesündigt zu haben. Als ich zwölf war, lernte ich für meine Bat-Mizwah-Feier, mit der ich öffentlich meinen Status als Tochter des jüdischen Volkes bekräftigte. So entdeckte ich in den 13 Artikeln des perfekten Glaubens, die der Philosoph Maimonides im 12. Jahrhundert formulierte, dass ich nicht die einzige war, die mit Gott gerungen hat. Ich beschloss, Gott auf die Probe zu stellen und stellte ihm eine Aufgabe, die magische Kräfte verlangte. Es dauerte Monate bis ich erkannte, auf dem falschen Weg zu sein. Enttäuscht wollte ich Gott aufgeben. Das Problem war nur: Vielleicht würde ihm einfallen, in meinem dunklen Schrank zu übernachten. So sagte ich vor dem Einschlafen immer mein Abendgebet, das Schmah Israel. So würde Gott wissen, dass er sich auf befreundetem Territorium befand.

Das kindliche Ringen mit Gott war der Anfang meiner Versuche, mein Verhältnis zu Gott zu definieren. Es gibt Zeiten von Freude und Glück, die von Gott gesegnet scheinen. Und es gibt Momente des Verlustes und der Leere, die jenseits des Glaubens angesiedelt zu sein scheinen. Wenn Gott nicht in meinem Schrank lebt, sondern in mir, was ich inzwischen für wahrscheinlich aber nicht sicher halte, ist es meine Verpflichtung, nach den Werten der jüdischen Gemeinschaft zu leben und meine tägliche Arbeit an den ethischen Überzeugungen auszurichten, die meine religiösen Prinzipien leiten. Ich strebe nicht mehr nach den Idealen des perfekten Glaubens von Maimonides. Stattdessen habe ich meinen weniger perfekten Glauben akzeptiert. Falls ich beschließe, Gott zurück in den Schrank zu stecken, werde ich mich daran erinnern, wo ich den Schlüssel verborgen habe. Man weiß nie.

Die Autorin leitet das Berlin-Büro des American Jewish Committee.

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