Meinung : Psychologische Verteidigung Mit neuen Offensiven versucht Saddam Zeit zu gewinnen

Clemens Wergin

Haben die USA genug Truppen in den Irak geschickt? Ist Donald Rumsfelds Kriegsstrategie schon nach der ersten Woche hinfällig? Viel wird dieser Tage über die alliierte Vorgehensweise spekuliert. Vielleicht auch deshalb, weil relativ einheitliche Erwartungen über die irakische Strategie bestanden: Saddam Husseins Truppen, hieß es, werden sich in zwei Verteidigungsringen um Bagdad eingraben und versuchen, Bagdad zum Stalingrad Amerikas zu machen. Doch jetzt das: Irakische Verbände rücken von Bagdad Richtung Süden nach Nadschaf und Al Kut vor. Auch aus Basra soll sich eine Kolonne von Militärfahrzeugen gen Golf aufgemacht haben, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Ist der Diktator übergeschnappt, will er seine Truppen in eine offene Feldschlacht gegen technisch überlegene Gegner schicken?

Auch hier kann man nur spekulieren: Wenn Saddam Hussein jetzt zwei Divisionen seiner Republikanischen Garden nach Süden dirigiert, reagiert er damit wohl zunächst nur auf Amerikas Schwierigkeiten, rasch eine Nordfront zu eröffnen. Die 1000 Fallschirmspringer, die jetzt ein Flugfeld auf kurdischem Gebiet sichern, werden mangels schweren Geräts zunächst keine größeren Einheiten der Iraker binden. So kann Saddam diese andernorts einsetzen.

Dem Diktator geht es jedoch vermutlich nicht nur darum, die Alliierten und ihre Nachschublinien unter Druck zu setzen. Viel wichtiger dürfte die psychologische Wirkung der Offensive sein. Saddam demonstriert, dass er noch Handlungsoptionen hat. Und das irakische Hinterland keineswegs aufgibt. Das ist eine Drohung an alle, die einen Aufstand planen, wie die Schiiten in Basra: Hütet euch, wir sind noch da.

Vielleicht ist international zu viel über Amerikas „Schock-und-Ehrfurcht-Taktik“ diskutiert worden. Der irakische Diktator hat jedenfalls alles getan, um ihre Wirkungen zu minimieren. Er hat nach dem sowjetischem Vorbild im Zweiten Weltkrieg politische Kommissare zur Truppe geschickt, damit die Soldaten nicht desertieren. Viele irakische Kriegsgefangene haben angeblich berichtet, ihre Vorgesetzten hätten sie mit vorgehaltener Waffe zum Kämpfen gezwungen.

Dieser Krieg ist auch ein Psychokrieg. Saddam Hussein wird darauf setzten, dass die Stimmung in Demokratien schnell kippen kann. Mit der Guerillataktik seiner Fedajin-Kämpfer hat er in vielen Köpfen im Westen Bilder erzeugt, die Erinnerungen an die israelische Besetzung des Libanon oder das sowjetische Eingreifen in Afghanistan hervorrufen. Die neueste Offensive soll diesen Eindruck verstärken. Man könnte sie Iraks „Schock und Ehrfurcht“ nennen.

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