Meinung : Putin in Berlin: Ein Cousin zum Vorzeigen

Christoph von Marschall

Diesmal war der Star nicht Gerhard Schröder. In der TV-Wirkung kann Wladimir Putin es mit dem Medienkanzler aufnehmen. Mit sanfter Stimme, mit einer Verbeugung vor deutschen Schriftstellern, deutschem Geist, mit Charme schmeichelte er sich bei den Zuhörern ein - und mit Witz: Als er die niedrigen russischen Steuersätze als Beleg für seinen Reform- und Aufbruchwillen vortrug, musste selbst Hans Eichel schmunzeln. Den Rest besorgte Putins ausgezeichnetes Deutsch. Besser lässt sich nicht illustrieren, welche Bedeutung Fremdsprachenkenntnisse in der Weltpolitik haben.

Zum Thema Hintergrund: Russische Präsidenten und deutsche Kanzler
Foto-Tour: Putins Staatsbesuch in Bildern Der Kanzler und seine Berater hatten sich das Drehbuch des Tages anders vorgestellt. Sie hatten die Medien auf die erleichterte Freude eines Familienoberhaupts eingestimmt, dessen etwas fragwürdiger Cousin überraschend mit einem internationalen Orden geehrt wird. Da erscheint es dann in ganz neuem Licht, dass man die Verbindung, trotz all der Fehler des Verwandten und der allgemeinen Kritik an ihm, nie hat abreißen lassen und unbeirrt zu ihm gestanden ist.

Dieser Stolz stand dem Kanzler auch noch bei den öffentlichen Auftritten mit Putin ins Gesicht geschrieben. Jahrelang haben die Partner im Westen etwas misstrauisch auf das herzliche Verhältnis der Deutschen zu den Russen geschaut - eine Sonderbeziehung, die anscheinend weder der Tschetschenien-Krieg noch die autoritären Anwandlungen Boris Jelzins und, seit anderthalb Jahren, Wladimir Putins beeinträchtigte. Jetzt ist diese Politik der Bundesregierung nicht nur rehabilitiert - nein, sie ist zu einem besonderen Trumpf geworden.

Tschetschenien, neu bewertet

Drei Sonderaufgaben hat die deutsche Außenpolitik beim Aufbau und der Erhaltung der internationalen Koalition gegen den Terrorismus: Joschka Fischer kann mit seinem frisch erworbenen Vertrauenskapital mäßigend auf Israelis und Palästinenser einwirken. Berlin darf seine Sonderkontakte zum Iran spielen lassen. Vor allem aber soll die Bundesregierung Russland einbinden. Das hat seinen Preis. Bei der Begegnung im Frühjahr in Petersburg hatte Schröder noch die Bedrohung der Pressefreiheit kritisiert. Jetzt nicht mehr. Moskaus Krieg im Kaukasus sprach nicht der Kanzler, sondern sein Gast an - in einer bisher für den Westen schwer akzeptablen Lesart: Es handele sich um islamische Terrorangriffe, nicht um einen Befreiungskampf gegen russische Kolonialherrschaft. Da muss man schlucken: Wird Russland in Tschetschenien ähnlich bedroht wie Amerika durch die Anschläge in New York? Energischer Widerspruch war nicht zu hören. Schröder forderte eine "differenzierte Betrachtung" - sprich: eine Neubewertung, in der Moskau nicht Angreifer, sondern Angegriffener ist. Nicht Urheber brutaler Menschenrechtsverletzungen, sondern selbst Opfer.

Doch wer erwartete, Putin werde sich damit zufrieden geben, hatte ihn unterschätzt. Der Cousin will nicht nur einmal willkommen geheißen und geehrt werden. Er verlangt dauerhafte Einbindung in den Familienverband. Nicht nur jetzt, wenn Russland gebraucht wird - wegen des Vetorechts im UN-Sicherheitsrat und weil Amerika für seine Afghanistan-Pläne auf Militärflugplätze in GUS-Republiken angewiesen ist.

Und Wladimir Putin weiß, wie er eine westliche Öffentlichkeit für sich und seinen Anspruch einnimmt. Die Rede im Bundestag hielt er nicht an die Regierung, auch nicht in erster Linie an das deutsche Parlament. Sein Adressat waren die Bürger - via Fernsehen.

Ein neuer, aufgeklärter, menschlicher Putin. Wenn er sich doch nur in Russland so verhalten würde, wie er sich hier gibt.

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