Meinung : Putins Poker

Moskau könnte eine Niederlage der USA wichtiger sein, als Irans Bombe zu verhindern

Bernd Ulrich

In der kommenden Woche wird aus allen Teheraner Regierungsgebäuden dasselbe Geräusch zu hören sein: Hohnlachen. Denn dann läuft das Ultimatum aus, das die fünf Sicherheitsratsmitglieder und Deutschland Iran in Sachen Nukleartechnologie gestellt haben. Und dann wird vor aller Welt klar, dass dieser scheinbar so mächtige Block bloß eine Koalition der Unwilligen mit den Unfähigen ist. Die einen wollen keine wirtschaftlichen, geschweige denn militärische Maßnahmen gegen Iran ergreifen, die anderen können es nicht oder trauen sich nicht.

Trotzdem wird die Sache irgendwie weitergehen müssen. Wie, das lässt sich vielleicht am ehesten mit Blick auf die Moskauer Interessen- und Gefühlslage vorhersagen. Die Experten der deutschen Regierung sehen die russische Politik so: Im Kreml hat niemand Interesse an einer nuklear aufgerüsteten Macht an der eigenen Südgrenze. Folglich werde Wladimir Putin in gebotenem Abstand, aber schließlich denn doch der westlichen Politik folgen und härteren Maßnahmen gegen Iran zustimmen. Erkennbar ist diese Analyse von der Befürchtung geprägt, dass – wie schon beim Irakkrieg – die Weltgemeinschaft auseinander fällt, wenn die Russen (und mit ihnen die Chinesen) von der Fahne gehen. Klarer gesagt: Liebe Russen, lasst uns mit diesen Amis nicht allein!

Nun muss eine leicht angstgetriebene Analyse nicht unbedingt falsch sein. Tatsächlich wäre es Russland lieber, wenn Iran keine Atombomben hätte. Aber wie wichtig ist ihnen das? Denn, erstens, hat man doch ein paar zigtausend Sprengköpfe mehr als die Mullahs. Zweitens und vor allem, sind die Aussichten einer zerbrochenen Koalition für Moskau zu köstlich, um darauf zu verzichten: Der Irankonflikt könnte den Amerikanern den Rest geben. Der Hegemon ist dank seiner eigenen Politik der letzten Jahre ohnehin schwer angeschlagen. Die Regierung Bush hat alles getan, um die Welt gegen sich aufzubringen, angefangen vom falsch begründeten und geführten Irakkrieg, über die menschenrechtswidrige Behandlung von Gefangenen und die ausdauernde Schwächung internationaler Institutionen und Verträge bis hin zu einer nur noch chaotisch zu nennenden Außenpolitik in den letzten Monaten. Die US-Strategie, gegen die nukleare Aufrüstung Irans zu Felde zu ziehen, die indische jedoch zu legitimieren, um Indien gegen die Chinesen in Stellung zu bringen, die man indes gegen den Iran braucht, während in anschwellender Tonlage die Russen beschimpft werden, die als Einzige in der Lage wären, China an Bord zu halten – diese Strategie ist schlicht irrwitzig.

Moralisch delegitimiert, politisch desorientiert und militärisch überfordert – das hätte man sich in Moskau nicht träumen lassen. Das wird den Verlierer im Kalten Krieg mit einer gewissen Genugtuung erfüllen. Doch hier sollte ja die Rede sein von Interessen, nicht nur von Gefühlen. Die Russen haben in diesem stressigen globalen Spiel um politische Macht und wirtschaftlichen Vorteil nur zwei Assets: Gas und Waffen. Beide kann man in einer nach wirtschaftlicher Leistung orientierten und politisch leidlich geordneten Welt schlechter einsetzen als in einer multipolar, leicht chaotischen Umgebung, wo sich die Regeln der freien Marktwirtschaft mit denen der Wirtshausschlägerei mischen. Warum also sollten die Russen nicht alles dafür tun, dass die amerikanische Hegemonie auf Jahre hinaus gebrochen wird, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet?

Im Kreml würde man es gut ertragen, wenn Iran sich die Bombe gegen den Willen der US-Regierung beschafft, denn das wäre eine schwere Niederlage für Bush. Ebenso angenehm wäre es für Russland, wenn die Amerikaner zusammen mit ein paar Willigen in die militärische Konfrontation getrieben würden. Denn das endete in einer noch schwereren Niederlage. Natürlich wäre das eine schändliche Politik der Russen, leider jedoch basierend auf der richtigen Analyse, dass für die Bush-Politiker global nichts mehr zu gewinnen ist: Und täten sie auch das Richtige, so wären sie doch die falschen.

Zurück nach Berlin. Wenn die etwas sonnige Einschätzung der russischen Interessen durch die hiesige Regierung nicht stimmt, sondern die eher dämonische, die hier skizziert wurde, worin besteht dann das deutsche Interesse im Irankonflikt? Ganz einfach: Die Bundesregierung sollte alles tun, um die Atomaffäre so lange hinauszuzögern, bis die Amerikaner die Gelegenheit hatten, eine neue Regierung zu wählen. Eine, die Reputation in der Weltöffentlichkeit zurückgewinnen könnte, eine, mit der man auch gern wieder eine Koalition von Willigen und Fähigen bilden würde.

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