Meinung : Putschversuch in Moskau: Die zerbrochene Kontinuität

Christoph von Marschall

Drei Tage, die die Welt veränderten: Staatsstreich in Moskau, Gorbatschow unter Hausarrest, meldeten vor zehn Jahren die Nachrichtensprecher rund um den Globus. Was da auf dem Spiel stand, zeigten die ersten entsetzten Reaktionen von Estland über Polen und Ungarn bis Georgien - und auch in den neuen Bundesländern. Überall auf dem früheren Gebiet des Warschauer Paktes standen noch sowjetische Truppen.

Der Putsch scheiterte. Die Sowjetunion zerbrach, der russische Nationalstaat nahm ihren geopolitischen Platz ein, das Baltikum, die Ukraine und die anderen Republiken wurden souverän. Ein Vergleich der Europakarten damals und heute macht die Wucht jener Augusttage 1991 unübersehbar.

In der Innenpolitik lassen sich ähnlich markante Belege schwerer finden. Doch auch hier darf man sich dramatisch ausmalen, welcher Rückschlag da vereitelt wurde. Der mutige Protest der Moskauer Bürger unter der Führung Boris Jelzins - des "Mannes auf dem Panzer" - machte die Absicht zunichte, die Sowjetunion in die Breschnjew-Ära zurückzukatapultieren. Aber ist Russland heute viel weiter als die UdSSR unter Michail Gorbatschow? Glasnost und Perestrojka: ein bisschen mehr Transparenz der Entscheidungen und Freiheit für die Medien, vielleicht auch ein klein wenig mehr an Vielfalt politischer Strömungen, vor allem aber höhere Effizienz in Staatswirtschaft und Verwaltung.

So ähnlich schildern die Fachleute Russland unter Wladimir Putin. Die Medien werden wieder geknebelt, von Rechtsstaat und freier Marktwirtschaft kann keine Rede sein. Die ex-kommunistische Linke ist auch heute die stärkste Gruppierung im Parlament. "Manipulierte Demokratie" sagen die Experten. Die russische Wirtschaft leistet 2001 nicht mehr als seinerzeit die sowjetische. Im Sport und in Spitzentechnologien wie der Weltraumforschung hat das Land Terrain verloren. Nun ja, der Kommunismus ist offiziell abgeschafft. Das hatte Gorbatschow nicht beabsichtigt, er wollte das System nur effizienter machen. Aber hat das all die Leiden und Mühen gelohnt?

Und doch ist Russland 2001 ein völlig anderes Land als die Sowjetunion 1991. Vor allem mental. Im Laufe dieser zehn Jahre sind zwar viele Modernisierungsanläufe zurückgedreht worden oder ganz gescheitert, aber die Gesellschaft weiß jetzt um diese Möglichkeiten. Der Gedanke der civil society zeigt sich in Bewegungen wie denen der Soldatenmütter, in den Protesten gegen den Tschetschenienkrieg und gegen die staatliche Ignoranz beim Untergang des U-Bootes Kursk. Putin mag die Medien wieder stärker unter Druck setzen, als dies in manchen Jelzin-Jahren der Fall war. Dennoch sind Widerspruchsgeist und Meinungsvielfalt heute ungleich größer als zu Sowjetzeiten. Die Privatwirtschaft und das kleine Unternehmertum erlebten eine kurze Blüte - bis der Rubel-Crash 1998 die jungen Existenzen zerstörte und den Aufbau einer Mittelschicht beendete. Das kommunistische Macht- und das staatliche Wirtschaftsmonopol sind aufgebrochen, auch wenn der Kreml und die Kombinate beherrschenden Einfluss ausüben. Und schließlich nehmen die Bürger auch langsam Abschied von der Vorstellung, dass Russland ein Anrecht darauf habe, die Nachbarvölker zu beherrschen.

Warum ist dann keine breite Auflehnung gegen Putins sanfte Diktatur zu spüren? Es ist schon wahr, die Mehrheit der Russen zeigt keine Bestrebungen, um mehr Freiheit und Partizipation zu kämpfen. Sie scheinen ganz zufrieden mit dem starken, dem autoritären Staat. Nach zehn Jahren der - oft existenzbedrohenden - Umwälzungen sehnen sie sich derzeit mehr nach Sicherheit und Stabilität als nach dem Abenteuer Freiheit. Doch das Wissen um diese anderen Lebensformen lässt sich nicht mehr aus den Köpfen verdrängen. Gorbatschows Worte und Jelzins Taten ließen den Putsch scheitern. Sie wirken noch lange nach.

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