Meinung : Quält dich die Kälte der Stadt …

Berlins neue Wahlkampfschlager: Pflüger entdeckt Vicky Leandros, Wowereit die Kinder

Lorenz Maroldt

In Berlins Wahlkampf kommt Musik. Klaus Wowereit singt fröhlich Kinderlieder, und Friedbert Pflüger sucht nach einem Schlager.

Wahrscheinlich muss man sich die eine Geschichte, die mit dem Schlager, etwa so vorstellen: Der CDU-Kandidat Pflüger sitzt traurig bei seinem Lieblingsgriechen, als im Hintergrund die Stimme von Vicky Leandros erklingt.

Fehlt dir ein Halt und ein Freund, dann ruf mich an, lass uns reden. Deine Geschichte, die geht alle an, weil’s jedem wie Dir gehen kann. Quält dich die Kälte der Stadt, bleiben die Nachbarn nur Fremde und gehen vorüber an Dir, dann öffne ich Dir meine Tür.

Und Pflüger ruft an. Lädt Vicky zu einer Nudel ein. Ganz heimlich am Pariser Platz. Schwärmt: Die Bouzouki klang durch die Sommernacht. Sagt: Dann kamst Du. Fragt: Du, willst Du? Willst Du meine Kultursenatorin werden? Sie telefonieren noch dreimal, treffen sich in Pflügers Büro. Vicky überlegt. Sagt dann schweren Herzens nein. Gute Reise Mon Amour, aber Ich liebe das Leben.

Nein sagt später auch Pflüger. Nein, er habe von niemandem eine Absage erhalten. Aber diese kleine Unwahrheit ist nichts gegen die bizarre Idee, die Sängerin Vicky Leandros mit Claus Peymann über den Etat des Berliner Ensembles verhandeln zu lassen oder mit Theo aus Lodz in die Vertriebenenausstellung zu schicken. Welches Kulturverständnis des Kandidaten zeichnet sich da ab, welches Berlinbild! Wen glaubte Pflüger eigentlich mit dieser Art Prominenz beeindrucken zu können? Da kommen wohl nur jene in Frage, die gar nicht wissen, wer Claus Peymann ist oder gar Erika Steinbach.

Vor der Kulisse dieser Besetzungskomödie wirkt jede Empörung in der Union über heiße Küsse des Regierenden Bürgermeisters mit der Dschungelkönigin so schal wie Champagner im roten Damenstiletto.

Die andere Geschichte, die mit den Kinderliedern, ist auch ziemlich traurig. Klaus Wowereit verspricht also die kostenlose Kita für alle und verkauft dies zugleich als soziale und integrative Wohltat. Doch das klingt nur gut bis zur zweiten Strophe. In dieser muss es dann darum gehen, dass es ja der Senat von Klaus Wowereit war, der die Kitagebühren gerade drastisch erhöhte. Konsistente Politik hört sich anders an. Dritte Strophe: Das Versprechen ist eigentlich doch nur ein frommer Wunsch, dass nämlich der Bund die Kosten trägt. Schlussakkord: Cui bono? Jedenfalls nicht jenen, die vorgezeigt werden, denn die zahlen in der Regel ohnehin nur sehr geringe Gebühren. Wowereits Versprechen, wenn es denn gehalten wird, nutzt vor allem dem bürgerlichen Mittelstand. Das muss zwar alles nicht falsch sein, aber etwas unehrlich ist es schon.

Das letzte Wort hat für heute nochmal Vicky Leandros:

Ob wir uns wiederseh’n auf dieser Welt, das steht geschrieben in den Sternen, ob wir uns wiederseh’n – frag nicht danach, das Schicksal wird für uns entscheiden.

Gute Nacht, Berlin. Kali nichta.

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