Meinung : Quellenstudium

Microsofts Flaggschiff unter Beschuss: Wie viel Vertrauen verdient Windows noch?

Kurt Sagatz

Die Fachzeitschrift „c’t“ und die „Computer Bild“ liegen ungefähr so weit auseinander wie die „FAZ“ und die klassische „Bild“. Um so erstaunlicher ist es, wenn beide Computerzeitschriften einmal der gleichen Meinung sind, und das Springerheft seinen Lesern das ehemalige Hacker-Betriebssystem Linux empfiehlt. Dabei konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen, dass wenig später der Windows-Quellcode, also der geheime Aufbau des populären Betriebssystems, ins Internet gelangen sollte – und so den mächtigen Microsoft-Konzern in seinen Grundfesten erschüttern würde.

Die Lage könnte für Microsoft nicht bedrohlicher sein. Zwar treibt Windows den weitaus größten Teil aller Computer an, zugleich muss es aber gegen einen denkbar schlechten Ruf ankämpfen. Die Software des Konzerns gilt als absturzgefährdet, und wenn es um Angriffe von Hackern oder um neue Virenattacken geht, sind zumeist die Betriebssysteme mit dem Windows-Logo betroffen. Wenn jetzt noch die selbst ernannten Sicherheitsexperten neue Schwachstellen aus dem Quellcode extrahieren, könnte dies dem Image von Microsoft noch viel größeren Schaden zufügen.

Vor allem aber müssen sich die Verantwortlichen in den Unternehmen und Verwaltungen, die Windows installiert haben, Gedanken machen: Sie müssen entscheiden, ob sie weiterhin ihren wirtschaftlichen Erfolg und ihre Handlungsfähigkeit auf eine Software stützen wollen, deren Sicherheit angezweifelt werden muss. Das Bundesinnenministerium unterstützt bereits seit einiger Zeit den Einsatz so genannter Open-Source-Software wie Linux. Im Bundestag werden bereits viele Dienste mit Linux erledigt und die Stadt München ist gerade dabei, die im letzten Jahr beschlossene Umstellung auf das alternative System umzusetzen. Selbst in der französischen Hauptstadt gibt es Überlegungen, sich von Microsoft zu distanzieren, obwohl Paris Sitz der europäischen Microsoft-Zentrale ist.

Im Moment wird darüber spekuliert, wer das Microsoft-Betriebsgeheimnis verraten hat. Im Verdacht steht ein amerikanisches Linux-Unternehmen. Für die Kunden ist jedoch etwas anderes viel wichtiger. Sie brauchen gute Gründe, die ihr Vertrauen rechtfertigen. Microsoft kann diese nur durch noch mehr Offenheit liefern – denn offene Quellen wie bei Linux beugen späteren Angriffen bereits frühzeitig vor.

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