Meinung : Quod licet

Ein Strauß wird in Bayern zu Gefängnis verurteilt – das ist auch ein Urteil über eine Ära

Stephan-Andreas Casdorff

Drei Jahre und drei Monate soll ein Strauß in Haft. Ein Strauß! Verurteilt von einem Gericht in bayerisch Schwaben! Es handelt sich um Max, den erstgeborenen Sohn des legendären Franz Josef, also des Mannes, von dem man zum Schluss seiner großen Karriere annahm (wie er von sich auch), dass er das schöne Bayern doch irgendwie erst erschaffen habe. Deshalb nannten ihn ja auch alle Franz Josef, gewissermaßen als Synonym für die Verehrung, die ihm als einem wirklich barocken Politiker entgegengebracht wurde, einem Fürsten der Neuzeit. Und dessen Nachfahre ist nun nach sechs Monaten Verfahren verurteilt worden, nur zu knapp weniger, als die Staatsanwaltschaft es wollte. Was für ein Einschnitt in der Geschichte des Landes.

„Dös is a Hund“, hieß es immer bewundernd über Franz Josef, und vielleicht ist Max daran gescheitert: weil er die Art des Vaters, mit der Macht umzugehen, kopieren wollte. Weil er sich an Macht gewöhnt hatte. Weil er glaubte, dass sich herrschaftliche Privilegien doch auch in Demokratien vererben können.

Aber: Quod licet Jovi, non licet bovi, hätte Strauß selig sagen können, denn er sprach fließend Latein (auch mit dem Papst). Wörtlich übersetzt: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt. Oder freier: Wenn der Vater so was macht, heißt das nicht, dass der Sohn einen Freibrief hätte. Aus den achtziger Jahren gibt es Bilder, die offenbaren das Dilemma. Die zeigen den Papa vor einem Jet mit dem Referenten Holger Pfahls – zwischenzeitlich dem meistgesuchten Deutschen – und Sohn in der Entourage in Leipzig. Max durfte zusehen, wie Franz Josef mit den vermeintlich Bedeutenden dieser Welt umging. Und vielleicht hat er auch gesehen, was dabei heraussprang. Nur hat er es falsch verstanden, was eine Tragik ist. Dafür bezahlt er heute, nach Steuerhinterziehung in Millionenhöhe von Tarnkonten, wie das Landgericht Augsburg meint.

Der Vater war gescheit, mitunter klug, hatte ein seltsames Netzwerk, schillernde Freunde, einen politischen Hofstaat. Er wusste, wie es geht, im Leben, mit dem Geld, in der Politik. Strauß senior konnte es sich leisten, vor rauschenden Oleanderbüschen an der Cote d’Azur die Politiker daheim anzuraunzen, genauso wie nach Wahlen die Journalisten mit schwerer Zunge anzufahren. Damals ging das noch. Heute nicht mehr. Damals war Bayern noch viel mehr als heute eine eigene, ganz eigene Mon-anarchische Republik.

Heute ist Bayern anders. Je mehr es zum Hightech-Land wird (übrigens, ironischerweise, angestoßen von Strauß), je mehr die Globalisierung Einzug hält, und je länger der Bavaro-Preuße Edmund Stoiber regiert, desto durchschaubarer wird, was die Leut’ so treiben. Die westliche Demokratie ist da. Heute fliegt über kurz oder lang jede Amigo-Geschichte auf.

Das Tümelnde, Heimelige, das Zusammenhocken im Herrgottswinkel, das gibt es schon noch. Aber man fahre nur mal zum Strauß-Flughafen hinaus, dann sieht man die Moderne, am Stadtrand von München: Biopolitik ist nicht barock. Und augenfällig ist die Transparenz.

Vor diesem Hintergrund ist das Urteil gegen Strauß junior, den Stammhalter, auf dem so viele Hoffnungen der Hobby- und Polit-Dynasten in Bayern ruhten, geradezu folgerichtig. Mag im Volk die Liebe zum Vater, aus der Erinnerung gespeist, noch mannigfach vorhanden sein – der Respekt vor denen, die nachkommen, ist trotzdem nicht zwangsläufig.

Es wirkt geradezu, als räume hier ein Landgericht im Namen des Volkes in dieser Hinsicht mit einer Ära auf. Auch nach dem Motto: Nur einem war es erlaubt, über die Stränge zu schlagen. Jovi Strauß vs. Bovi Strauß – da ist das Urteil klar. Wie hat der Vorsitzende Richter gestern gesagt: „Wir alle müssen Steuern zahlen, gerade dies hat der Angeklagte nicht getan.“ Einfach so. So nüchtern redet keiner über Mythen.

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