Meinung : Rabattgesetz: Handeln ist nicht unfein

Von heute an lässt sich vielleicht am Preis noch etwas machen. Mit einem besonders charmanten Lächeln, zum Beispiel. Oder mit dem Versprechen, das nächste Paar Socken nicht bei der Konkurrenz zu kaufen. Dafür gibt es dann Prozente. Smart-Shopping, nennt man das heute. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Rücken Sie mit Freunden an und kaufen Sie in Ihrem Licht-Studio drei von jenen hübschen Designer-Lampen. Mit diesem Verfahren drücken Sie die Preise. Das nennt man dann Power-Shopping. Denn die Verbote des Rabattgesetzes sind ab heute von gestern.

Zum Thema Online-Umfrage: Werden Sie um jeden Preis feilschen? Doch Vorsicht. Die andere Seite ist nicht säumig. Unternehmensberater und psychologische Verkaufstrainer stellen sich seit Wochen auf die Gesetzesänderung ein. Der Händler wird sagen, in seinem Laden gebe es ohnehin nur Niedrigpreise. Oder er wird Ihnen Preisnachlass nur auf seine Kundenkarte zusammen mit einem Bonus- oder Vielkäuferprogramm einräumen. Dann kann er jetzt großzügig sein, nächstes Mal zahlen Sie drauf. Wenn Sie nicht aufpassen.

Eine besondere Skurrilität des deutschen Sonderweges ist gefallen - ausnahmsweise ohne großen politischen Streit. Rabattgesetz und Zugabeverordnung wuren 1933 eingeführt mit der Absicht, den Verbraucher zu schützen. Gleiche Preise für alle. Deshalb durften Abschläge allenfalls drei Prozent betragen; Dreingaben für treue Kunden waren verboten. Das scheinbar harmlose Handelsgesetz konnte einen gehöriger Schuss Antisemitismus nie verbergen: Der Jude schachert, und Feilschen ist die Unart des Orientalen. Ein Deutscher handelt nicht, weil er bereit ist, den ehrlichen Preis zu zahlen. Soweit die Ideologie.

Doch was ist ein ehrlicher Preis? Die Ökonomen sagen: Preise sind das, was die Produzenten am Markt durchsetzen können. Der Preis ist nichts Metaphysisches. Er steckt nicht in den Produkten, sondern ist das Ergebnis einer Verhandlung. Deshalb ist die Auktion das Urbild der Preisbildung am Markt. Die Börse funktioniert ähnlich; der orientalische Bazar auch. Wenn das Rabattgesetz fällt, dann geht es auch im Handel künftig ein bißchen marktwirtschaftlicher zu. Im Internethandel stehen Auktionen ohnehin seit langem auf der Tagesordnung.

Doch warum hält die Freude über die neue Verbraucherfreiheit sich bei Kunden wie Händlern in Grenzen? 70 Jahre prägen eine Kultur. Die Scheu zu handeln ist sicher keine genetisches Merkmal der deutschen Verbraucher. Aber seit Kindheit lernen wir, dass es unfein ist, den Preis in Frage zu stellen. Über Geld spricht man nicht. Und die große Geste - "Geld spielt keine Rolle" - bringt Ansehen. Natürlich ist das Gegenteil wahr: Geld spielt immer eine Rolle, bei den Ärmeren wie bei den Reicheren. Doch wer gibt das schon gerne zu. Das Ende des Rabattgesetzes bringt dem Kunden mehr Souveränität. Doch Handeln ist unbequem. Es kostet Verhandlungsarbeit, Entscheidungsnot und viel Information. Das ist - wie immer - der symbolische Preis der Individualisierung und Flexibilisierung. Es ist jedermanns Recht, diesen Preis nicht zu zahlen - und stattdessen den auf der Ware ausgedruckten Preis zu akzeptieren.

Auch dem Handel ist bange. Die Mitarbeiter wähnen sich dem Kunden unterlegen. Der Mittelstand fürchtet einmal mehr, von den großen Ketten an die Wand gedrückt zu werden. Und die Großkonzerne verweisen auf schmale Margen, die ihnen keinen Rabatt erlauben. Dabei spricht einiges dafür, dass die Freigabe der Zugabeverordnung dem Handel nützt, denn die dient der Kundenbindung. Und noch einmal: Niemand muss über den Preis reden, wenn er nicht will, auch der Händler nicht. Sein betriebswirtschaftliches Kalkül bestimmt weiterhin den Spielraum zwischen Preisen und Kosten.

Die geringsten Sorgen muss sich der Konsument machen. Die Deutschen werden nicht über Nacht ein Volk von Teppichhändlern. Der Fall des Rabattgesetzes ist nicht das Ende des Verbraucherschutzes. Das "Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb" zieht der Preisgestaltung auch weiterhin - eher zu enge - Grenzen. Ein bißchen mehr Feilschen täte allen hier zu Lande gut. Denn Erfolg freut; Misserfolg stachelt an. Wer hat gesagt, dass Einkaufen keinen Spaß machen darf?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben