Meinung : Radiologen wollen streiken: Augen zu und durch!

Hartmut Wewetzer

Können niedergelassene Ärzte streiken? Nein, natürlich nicht. Schließlich können sie als Freiberufler zwar beschließen, ihr Gewerbe nicht auszuüben, aber das Streikrecht der Arbeitnehmer besitzen sie nicht. Außerdem sind sie dazu verpflichtet, die ambulante Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Und schließlich macht es keinen besonders guten Eindruck, wenn Ärzte ihre Patienten im Stich lassen. Die Arbeitsniederlegung einiger Dutzend Berliner Radiologen in dieser Woche mag zwar die nötige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Probleme lenken, aber der Preis für diese Art von Publicity ist hoch.

Drastische Einkommensverluste und Existenznot haben die Radiologen zu ihrem Aufstand bewogen. Eine Praxis soll bereits zahlungsunfähig sein. Wie in einem Brennglas fokussiert die Situation der Röntgenspezialisten die Probleme der Arztpraxen. Viele Vertragsärzte stöhnen über den engen Rahmen ihres Budgets, vor allem über die Beschränkungen bei der Verordnung von Arzneimitteln. Hinzu kommen die besonderen Probleme Berlins, denn die großen Krankenkassen sind defizitär, gleichzeitig aber leistet sich die Stadt eine großzügige medizinische Versorgung.

Das gilt auch für die Röntgenärzte. Bezogen auf die Bevölkerungszahl hat Berlin doppelt so viele Radiologen-Praxen wie der Bundesdurchschnitt. Da ist es nicht verwunderlich, dass die technisch hochgerüsteten und aus diesem Grund nicht selten entsprechend hoch verschuldeten Berliner Strahlenärzte vor schwierigen Zeiten stehen. Das Brutto-Einkommen der Berliner Radiologen betrug 1998 120 000 Mark im Jahr, der Bundesdurchschnitt lag dagegen bei 160 000 Mark.

Wer den Berliner Strahlenärzten nun kurzfristig aus der Notlage helfen wollte, könnte das wohl nur auf Kosten anderer Arztpraxen tun. Damit würde das Problem allerdings nur auf die nächste Medizinergruppe verschoben. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen?

Viele Fachleute sehen immer noch Einsparmöglichkeiten im Gesundheitswesen, zum Beispiel durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern und den Arztpraxen.

Vor kurzem teilte der Experte in Arzneimittelfragen Ulrich Schwabe mit, dass im letzten Jahr bei den Arzneimitteln immerhin 8,2 Milliarden Mark einzusparen gewesen wären - ohne dabei an der medizinischen Qualität zu sparen. Zur gleichen Zeit aber häufen sich die Meldungen, Ärzte würden aus Angst vor Regressforderungen durch die kassenärztlichen Vereinigungen wegen eines überschrittenen Arzneibudgets ihren Patienten notwendige Medikamente nicht mehr verschreiben.

Zwar könnte eine strikte Begrenzung auf sinnvolle Medikamente in Form einer Positivliste vermutlich Einsparungen erleichtern, aber sie wäre politisch, juristisch und wirtschaftlich nicht durchsetzbar. Ähnliches gilt für andere Einschränkungen im Leistungskatalog der Medizin, die sich auch auf das Wesentliche, Wichtige und Richtige beschränken könnte. Auch das wäre politisch nicht machbar.

Statt an der richtigen Stelle zu sparen, könnte man ebenso gut versuchen, mehr Geld ins System zu pumpen, um zum Beispiel die Vertragsärzte zu entlasten. Man könnte die Krankenkassenbeiträge oder den Kreis der Beitragszahler selbst erhöhen, oder aber die Selbstbeteiligung der Patienten. Auch solche Eingriffe dürften natürlich erheblichen Widerstand aus Wirtschaft und Politik hervorrufen.

Das alles sieht nicht nach einer schnellen Kur für die angeschlagenen Berliner Radiologen aus. Die Politik kuriert weiterhin nur an Symptomen herum.

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