Raketenschirm : Kühle Kalküle

Der Rückzug vom Raketenschirm zeigt: Barack Obamas neuer Realismus in der Außenpolitik kennt kaum Grenzen. Das hat seinen Preis.

Malte Lehming

Um das Wesen amerikanischer Außenpolitik zu verstehen, kann man sich ins Kino setzen und einen zweistündigen Film sehen. Er heißt „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven) und stammt aus dem Jahr 1960. In dem Western wird ein mexikanisches Dorf regelmäßig von bewaffneten Banditen terrorisiert und ausgeplündert. Die Dorfbewohner suchen Hilfe bei sieben verarmten, aber versierten Revolvermännern aus einer US-amerikanischen Grenzstadt. Die Dörfler haben nicht viel, ihr Entgeld für die Hilfe ist schlecht, dennoch kämpfen die glorreichen Sieben bis zum letzten Gefecht. Das wird zwar gewonnen, aber vier von ihnen kommen dabei ums Leben.

Ohne Idealismus – jene starke Überzeugung, die Schwachen gegen die Starken und die Guten gegen die Bösen verteidigen zu wollen –, wären viele Entscheidungen der letzten hundert Jahre amerikanischer Geschichte wohl anders ausgefallen. Vom Eintritt in den Ersten Weltkrieg („The war to end all wars“ – Der Krieg, der das Kriegführen beenden sollte) über Korea, Vietnam, Somalia, den Balkan und Irak hätte die reine Rückbesinnung auf ureigene Interessen oder ein strenges Kosten-Nutzen-Kalkül die interventionistischen Neigungen stark begrenzt. Auch, wenn es hier und dort um Machtpolitik ging, war der Ertrag doch meist nicht höher als der der glorreichen Sieben.

Unter George W. Bush und dessen von neokonservativer Ideologie geprägter Außenpolitik wurde das idealistische Moment übertrieben. Sein Nachfolger, Barack Obama, kehrt daher zum Realismus zurück. Lässt sich auch der Realismus übertreiben? Unter Bush war etwa die enge Bindung an Osteuropa eine Konstante, die aus den Zeiten des Kalten Krieges resultierte. Die Abneigung gegen die Sowjets, der Freiheitswille der Dissidenten, der Glaube an Demokratie und Menschenrechte, die Erweiterung der Nato: Diese Ideologie verband und bildete einen Kontrast zum Hyperrealismus vieler Kontinentaleuropäer.

Obama dagegen ist diese Gefühlsgeschichte fremd. Er braucht eine Neubeziehung zu Russland für seine Iran- und Abrüstungspolitik. Also suspendiert er kurzerhand die Pläne für eine Raketenabwehr. Im Verhältnis zu China haben die Geschäfte ebenfalls längst Vorrang vor den Menschenrechten bekommen. Im Irak und in Afghanistan scheint ihm inzwischen mehr an einem gelingenden Abzug zu liegen als an einer gelungenen Mission. Obamas Realismus kennt keine Grenzen.

Das ist einerseits gut, bringt aber andererseits eine neue Unberechenbarkeit in die amerikanische Außenpolitik. Beispiel Nahost. Ein Teil des idealistischen Erbes der Vereinigten Staaten ist deren breite moralische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung des Staates Israel, der sich gegen die Feindseligkeiten von mehr als einer Milliarde Moslems behaupten muss. Realpolitisch betrachtet haftet dieser Unterstützung oft etwas Irreales an. Denn Reduktionen auf vermeintlich innenpolitische Interessen (zionistische Evangelikale, jüdische Lobby) greifen als Erklärung zu kurz und tendieren zur Pseudorationalisierung.

Vielleicht ist auch die Gefühlsgeschichte gegenüber Israel dem kühl kalkulierenden Obama fremd. Muss die Welt für seine Rückkehr zum Realismus demnächst unliebsame Preise bezahlen? Einige Antwort-Potenzialitäten deuten sich gerade erst an. Abschied von humanitärer Intervention und Demokratieexport, Relativierung von Menschenrechten, Ignoranz gegenüber alten Verbündeten (Osteuropa, Israel, womöglich auch Westeuropa). Und hat sich der US-Präsident aus Realismus womöglich mit Irans Atomprogramm bereits abgefunden? Es sind Fragen, die sich stellen. Die Hauptfrage aber heißt: Wäre Obama bei den glorreichen Sieben dabei gewesen?

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